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Lifestyle

Auf der Suche nach dem Glück(lich sein)

Glücksforscher Tobias Rahm und Physiker Dr. Jan Plöger mit Timo Grän im Gespräch

Von Timo Grän

(Fotografie: Markus Hörster)

Auf der Suche nach dem Wissen über das Glück traf ich mich für den Stadtglanz zu einem ungewöhnlichen Gespräch zwischen dem Psychologen und Glücksforscher Tobias Rahm und dem Physiker Dr. Jan Plöger.

Rahm Im Deutschen hat „Glück“ zwei Bedeutungen, anders als in vielen anderen Sprachen. Die Glücksforschung befasst sich mit dem, was im Englischen „happiness“ ist, also dem Glücksempfinden. Glücksforschung ist ein Teil der positiven Psychologie, die das generelle Wohlbefinden von allen Menschen verbessern möchte. Dazu nutzt sie auch das Wissen der klinischen Psychologie zur Behandlung von psychischen Störungen. Gleichzeitig werden neue Interventionen entwickelt, die das Wohlbefinden von Menschen auf individueller, institutioneller und sogar nationaler Ebene steigern sollen.

Plöger Ist Glücksforschung dann so etwas wie plastische Chirurgie für die Seele? Ich verstehe Glück als kurzfristiges Hochgefühl. Kann man Glück dann überhaupt dauerhaft haben und ist es die richtige Zielgröße für das eigene Leben?

Rahm In der Glücksforschung – oder besser: der positiven Psychologie – gibt es verschiedene Konstruktionen für Wohlbefinden. Ein Konzept, das unserem Alltagsbegriff „Glück“ relativ nahekommt, ist das sogenannte subjektive Wohlbefinden. Menschen mit einem hohen subjektiven Wohlbefinden haben häufig positive Emotionen, weniger häufig negative und eine allgemein hohe Zufriedenheit mit Ihrem Leben.

Plöger Glücksforschung fragt also sowohl nach der Euphorie als auch nach der Zufriedenheit?

Rahm Ja genau. Und zusätzlich noch nach der Disphorie, also den unangenehmen Gefühlen. Spannenderweise gibt es bei diesem Konzept enge Parallelen zur Neurobiologie. Da gibt es drei verschiedene Motivationssysteme. Das erste ist die „Weg-Motivation“ also der Drang, Unangenehmem auszuweichen. Das kann beispielsweise Angst sein oder Ekel. Im Hirn ist das besonders stark mit den Neurotransmittern Adrenalin, Nor-Adrenalin und Cortisol assoziiert. Das zweite ist die „Hin-Motivation“, also hin zu etwas Attraktivem wie Erfolgserlebnissen, Essen, Sex, Konsum. Das ist besonders mit Dopamin assoziiert und dem Gefühl der Euphorie. Die dritte ist die „Bleiben-Motivation“, also einen angenehmen Zustand nicht verändern zu wollen. Das ist mit Oxytocin assoziiert.

Plöger …das Kuschelhormon…

Rahm Genau. Das wird aber auch bei ergreifenden Teamerfahrungen, schönen Naturerlebnissen oder im Symphoniekonzert bei Beethovens Neunter ausgeschüttet. Das Gefühl dazu ist innere Zufriedenheit, Ruhe, Angekommen-Sein. Oder wie es in einem Song heißt: „So soll es sein, so kann es bleiben.“

Plöger Im menschlichen Körper kennt man die Homöostase, also eine Gegenreaktion des Körpers. Wer beispielsweise oft Drogen nimmt, braucht die Drogen irgendwann, damit er sich nur normal fühlt. Ist das bei Glück auch so?

Rahm Also erstmal prinzipiell zu den Drogen: Wenn dort Glücksgefühle vermittelt werden, bedient das natürlich das gleiche Belohnungssystem wie echte Erfahrungen. Aber je mehr ich mein System durch Drogen mit Dopamin flute, desto schwieriger wird die normale Regulation im Körper. Ein „Drogen-High“ mag intensiver sein als Glück aus echten Erfahrungen – auf lange Sicht haben wir aber natürlich viel mehr von „echten Glücksgefühlen“, also von körpereigenen Belohnungen für gute Erfahrungen, die wir selbst verursacht haben. Denn das bringt uns Selbstwirksamkeitsgefühle und verstärkt Lernprozesse. Und die natürlichen Prozesse regulieren sich auch selbst, sodass wir keinen „Glücks-Kater“ nach guten Erlebnissen bekommen.

Grän Wie ist denn der Zusammenhang von den Glücksgefühlen, über die wir gerade sprechen und dem Zufalls-Glück? Sind das nur zufällig die gleichen Worte?

Rahm Um Zufalls-Glück erfahren zu können, muss man ihm eben auch eine Chance geben. Sich rauswagen aus der Komfortzone. Es gibt da den schönen Witz von Erwin, der jeden Abend betet, Gott möge ihn im Lotto gewinnen lassen. Nach fünf Jahren ohne Lottogewinn hört er beim Gebet plötzlich eine Stimme, die sagt: „Erwin, gib mir eine Chance… kauf dir ein Los!“ Und Menschen, die glücklicher sind, kaufen – bildlichgesprochen – eher ein Los und gewinnen daher häufiger.

PlögerUnd das, was man als Glück betrachtet, hängt ja auch von der Metrik ab, also davon, wie man ein Ereignis betrachtet. Schließlich kann ein auf den ersten Blick schlechtes Ereignis durchaus auf den zweiten Blick, mit einem anderen Maßstab sehr positiv sein. Beispielsweise wenn eine bittere Trennung die Tür zu einer erfüllenderen Partnerschaft öffnet.

Rahm Ja, genau. Und zwar im Kleinen wie im Großen. Eine Lehrkraft kann sich zum Beispiel darüber ärgern, dass „die drei dahinten“ wieder so viel Quatsch gemacht haben – oder sich darüber freuen, dass immerhin 27 Schülerinnen und Schüler super mitgearbeitet haben. Da haben wir an vielen Stellen mehr Wahlfreiheit für unsere Interpretationen als uns oft bewusst ist. Positivere Sichtweisen kann man auch ganz gut trainieren.

Grän Und im Großen?

Rahm Wissen Sie, was PTBS ist?

Plöger Posttraumatische Belastungsstörung?

Rahm Richtig. Allseits halbwegs bekannt. Auf traumatische Ereignisse reagiert die Psyche je nach Intensität und Dauer mehr oder weniger wahrscheinlich mit psychischen Störungen. Wie sehr viele andere kennen Sie PTG aber wahrscheinlich nicht? Das ist die Abkürzung für post-traumatic growth, also das Wachsen nach psychischen Verletzungen. Das passiert, wenn Sie über gute Ressourcen verfügen, die schlimmen Ereignisse gut verarbeiten können, die Kontrolle zurückgewinnen und neue Chancen wahrnehmen und ergreifen. Tatsächlich scheint das Wachsen an Krisen die Regel zu sein und nicht, wie vielleicht in der allgemeinen Wahrnehmung stärker betont wird, die psychische Störung.

Plöger Weil Krisen uns vor Augen führen, was für uns eigentlich wichtig ist?

Rahm Ja. Im Alltag stehen wir vor dem Problem, dass wir positive Elemente des Lebens oft gar nicht so sehr als Priorität ansehen. Für einen dringenden Geschäftstermin würden viele ein Treffen mit Freunden oder sogar die eigene Geburtstagsfeier absagen, aber eigentlich sind es soziale Kontakte, die viel zu unserem Glücklichsein beitragen. In einer Krise besinnen wir uns oft wieder besser auf unsere eigentlichen Prioritäten.

Grän Wie könnte das beispielsweise gehen? Was machen Sie persönlich, um gut durch die aktuelle Corona-Krise zu kommen?

Rahm Also ich bin auch genervt von den vielen Einschränkungen und auch immer mal wieder verunsichert von dieser latenten Gefahr, dass ich mich oder – noch schlimmer – dass sich jemand aus meiner Familie infizieren könnte und es einen ungünstigen Verlauf nimmt. Ich denke, man sollte sich davon nicht verrückt machen lassen und möglichst gelassen mit der Situation umgehen. Und davon abgesehen gibt es viele gute psychologische Tipps, an die man sich halten kann. Körperlich aktiv zu bleiben, ist wahrscheinlich der wichtigste, weil das auch einen riesigen Einfluss auf die Psyche haben kann. Ich glaube auch, dass das Kultivieren von Dankbarkeit sehr zum positiven Umgang beitragen kann. Und ich bin wirklich dankbar dafür, dass ich eine solche Situation in einem Land erleben darf, dass ein so gutes Gesundheitssystem hat.

Plöger Mir hat es immer Glücksgefühle bereitet, eine harte Nuss zu knacken, also versuche ich, die Einschränkungen als Herausforderung zu sehen. Das klappt nicht immer, aber meistens. Um den immer gleichen Problemnachrichten zu entgehen, mache ich News-Fasten. Das tut mir so gut, das werde ich sicher beibehalten.

Grän Der 20. März wurde von den Vereinten Nationen zum Weltglückstag ernannt und wird seit 2013 jährlich begangen. Dieses Jahr musste Ihr Vortrag an der Uni leider ausfallen. Welchen Tipp hätten Sie Ihren Zuhörern gegeben, um mehr Glück zu empfinden?

Rahm Sehr effektiv ist die „Drei-gute-Dinge-Übung“: Man schreibt eine Woche lang jeden Abend drei Dinge auf, die am Tag gut gelaufen sind und was man selbst dazu beigetragen hat – egal, ob große oder kleine Momente. Die Forschung zeigt, dass die Gruppe, die diese Übung für eine Woche gemacht hat, auch sechs Monate danach noch signifikant glücklicher war als die Kontrollgruppe. Wenn Sie eine Methode mit besserem Preis-Leistungsverhältnis finden, sagen Sie mir bitte dringend Bescheid. Im Vortrag wäre es vor allem um die „Positive-Education-Bewegung“ gegangen, die zum Ziel hat, Schule mit allen Bildungsprozessen so zu gestalten, dass Kinder aufblühen und glücklicher sind. Spätestens 2022 wird die Veranstaltung sicher wieder stattfinden können.

Grän Dass die meisten Menschen an Krisen wachsen, das war eine positive Erkenntnis für mich! Und als Tipps nehme ich für mich mit, Gelassenheit und Dankbarkeit zu üben – und Drei-gute-Dinge probiere ich auch mal aus. Vielen Dank für das Gespräch!

Timo Grän

Herausgeber des Stadtglanz und der Service-Seiten. Verbrachte seine ersten Lebensjahre in Sambia und Botswana, bevor er Kind dieser Region wurde. Seitdem ein Förderer des Regionspatriotismus.