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Wirtschaft

„Bildung bedeutet mehr als Arbeitsfähigkeit.“

Wissen ist heute jederzeit verfügbar

Von Eric Spruth

(Fotografie: Claudia Taylor, TAYLOR Photography, Projekt: Kreative Köpfe Adobe Stock/Petkov)

Wissen ist heute jederzeit verfügbar. Intelligente Sprachassistenten kennen scheinbar jede Antwort. Sich wirklich etwas zu erarbeiten und auch mit Rückschlägen konfrontiert zu werden, wird so immer unwahrscheinlicher. Sind wir mittlerweile eine Gesellschaft im „Stand by“-Modus?

Wichtig ist: Wissen ist nicht Bildung, Wissens­anhäufung nicht Bildungszugang. Ich glaube, dass wir bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren in die Falle getappt sind – und Bildung sehr stark ökono­misiert haben, ich rede da gar nicht von Geldgrößen, aber wir sind dem Versprechen auf den Leim gegangen, dass Bildung messbar ist. Sie ist es nicht. Wenn wir also eine Gesellschaft im „Stand by“-Modus sind, bedeutet das einen Verlust an Kultur, der in Messgrößen nicht zu fassen ist, der eher implizit wahrgenommen wird.

Das ist das Drama.

Anders formuliert: Wenn breite Bevölkerungsschichten – vor allem Jugendliche – Anstrengungsmotivation bewusst vermeiden und ein Scheitern an etwas größeren Aufgaben schnell akzeptieren, dann führt das am Ende zum Kulturverlust, ich glaube sogar, dass auf diese Weise ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft möglich wird. Ich weiß, das ist hart formuliert, aber wir brauchen starke Thesen, um der digitalen „Kommodifizierung“ (und das ist eindeutig mehr als Kommerzialisierung und damit auch mehr als Ökonomisierung) zu begegnen.

Standort, Interessen, Suchhistorie. Wer welche Informationen bei der Suchmaschinennutzung zu sehen bekommt, hängt von vielen unterschiedlichen Parametern ab. Zudem sind viele der großen Suchmaschinen privatwirtschaftliche Unternehmen. Gibt es da Entwicklungen, die dich beunruhigen?

Diese Frage betrachte ich als „rhetorisch“. Die wichtigste Aufgabe: Es muss uns gelingen, den „Big Tech“-Unternehmen der GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) das kulturelle Erbe Europas entgegenzuhalten, es ihnen dabei nicht auszuliefern. Denn dieses wurde von einem jahrzehntelangen Zusammenwachsen der reichsten Verschiedenartigkeit geprägt. Wie kann das gehen, wie kann man den neuen Machtstrukturen begegnen? Mehrere Lösungen sind vorstellbar. Für mich eine der interessantesten ist die meines Kollegen Jens Südekum von der Universität Düsseldorf. Statt über eine erweiterte Besteuerung nachzudenken, schlägt er vielmehr eine staatliche Unternehmens­beteiligung vor. Er sieht das Kernproblem in der zunehmenden Konzentration von Profiten bei den „Superstarfirmen“ und stellt die Frage: „Wie kommt man an diesen Profitkuchen ran". Eine staatliche Beteiligung bedingt auch eine Beteiligung an den Gewinnen, und das könne eben national und unkoordiniert passieren.

Wir müssen solchen natürlichen Monopolen also kulturelle und soziale Intelligenz entgegensetzen, ich will hier klar sein: europäische Intelligenz, eine Intelligenz, die in Sozialstaaten geprägt wurde, in demokratischen Gesellschaften, die neben den großen Helden der Nationalökonomie ordoliberaler Prägung eben auch andere Theorien parat haben. Wer mich kennt, weiß: Ich bin ein Freund der Marktwirtschaft, ich mag auch neoliberales Denken, aber es ist eben nur ein Zugang zur Welt. Wenn der Markt versagt, wie dies beim Entstehen natürlicher Monopole regelmäßig der Fall ist, dann brauchen wir neue Werkzeuge, andere Mechanismen.

Die Demokratie braucht Bürger, die sich einmischen, der Kapitalismus Konsumenten, die er beeinflussen kann. Welche Ideologie hält beim Thema „Bildung“ heute die Zügel in der Hand? Die politische oder die wirtschaftliche?

Es gibt ja eine lange Tradition der Bildungsökonomie. Ich stehe nach wie vor zum Humboldtschen Bildungsideal, das ist humanistisch geprägt und sozusagen „durchseelt“ von der Auffassung, dass der ge­bildete Mensch nicht ausschließlich qualifiziert ist, dass Bildung mehr als Arbeitsfähigkeit bedeutet. Aktuell haben wir an den deutschen, nein, eigentlich sogar den europäischen Hochschulen einen extremen Hang „Empoyability“ zu stärken – also Inhalte zu erarbeiten und zu ver­mitteln – ich mag dieses Wort nicht, da Bildung etwas ist, das man sich selbst aneignet und das im eigent­lichen Sinne nicht vermittelt werden kann – also dass man sich auf Inhalte konzentriert, die am Ende in Berufen „vermarktbar“ sind. Ich halte das für die größte Fehlentwicklung im hochschulgebundenen Bildungssystem. Denn in nahezu allen Fächern müssen wir heute in eine sehr ungewisse Zukunft führen. Wir wissen nicht, was alle diejenigen, die aktuell studieren, in zehn oder zwanzig Jahren benötigen, um erfolgreich, erfüllt, vielleicht auch effizient zu arbeiten. Aus meiner Sicht, ist das Wichtigste, zu dem wir als Lehrende anregen können: Selbstorganisation, die Fähigkeit, sich selbst zu strukturieren, sich neue Themen und Aufgaben diszipliniert und schnell zu erschließen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 14 / Dezember 2019.