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Lifestyle

Billig hat immer einen Preis

"Erst kommt das Fressen, dann die Moral"

Von Christine Grän

(Fotografie: Adobe Stock: agnormark/Gorodenkoff/Tatiana)

...schrieb der große Brecht vor Jahrzehnten. Angewendet auf den jüngsten Skandal um den Fleischriesen Tönnies zergeht der Satz auf der Zunge und hinterlässt einen gallenbitteren Nachgeschmack.

1300 Corona-infizierte Arbeiter im Imperium des Clemens Tönnies (Umsatz 2018: 6,1 Milliarden Euro) werfen ein Schlaglicht auf skandalöse Verhältnisse in der Fleischindustrie.

Was alle wussten, worüber alle schwiegen und woran wenige sehr lange sehr viel verdienen, steht durch Corona ganz plötzlich am Pranger. Politiker fordern, das tun sie gern. Die Landwirtschaftsministerin zum Beispiel eine ‚Tierwohlabgabe‘. Damit würde ein Kilo Schnitzel um 40 Cents teurer werden. Dafür würden Mastbetriebe finanziell gefördert, die Haltungsbedingungen der armen Schweine zu verbessern.

Zurzeit liegt der gesetzliche Mindeststandard bei 0,75 m2 Stallraum pro Schwein, die ganz luxuriöse Nummer bei 1,5 m2. Der Schweinezüchter bekommt für ein Kilo Schwein 1,66 Euro – danach kassieren die großen Schlachtbetriebe und die Kaufhaus-Ketten, bis das Schwein dann für 7,63 Euro pro Kilo einen Käufer findet.

Auf dem Weg dorthin müssen natürlich auch die Produktionsbedingungen stimmen. Leiharbeiterfirmen heuern im Osten Arbeiterinnen und Arbeiter an, die zu Niedrigstlöhnen in den Schlachtbetrieben malochen. Arbeitsminister Heil: „Wir werden diese Form des rücksichtslosen Wirtschaftens nicht mehr akzeptieren.“

Das klingt gut. Nur: Wieso hat das in den letzten Jahren keine Sau interessiert?

Weil der deutsche Wähler billiges Fleisch will? Ja das geht halt nur mit einem auf Ausbeutung basierendem Geschäftsmodell – der Ausbeutung von Menschen und Tieren. Anders geht’s nur mit Gesetzen, die das Leiharbeiter-Modell verbieten. Nur mit einer radikalen Wende in der deutschen und europäischen Agrarpolitik, die von den großen Lobbyisten abrückt. Geht nur mit gerechter verteilten Subventionen, kleineren Betrieben wie Schlachthöfen und vor allem größeren Ställen.

Es geht aber auch nur dann, wenn die Konsumenten mitspielen. Wenn sie bereit sind, für Fleisch mehr zu bezahlen. Den Aufschrei, dass dies vor allem die Armen treffe, kann ich nicht nachvollziehen. In meiner Jugend waren fleischlose Tage ganz normal, damals war ein Stück Huhn, Schwein oder Rind noch was Besonders. Und vergleichsweise teurer als heute.

Wir müssen nicht alle Vegetarier werden. Es reicht doch schon, weniger Fleisch zu essen. Dafür schmeckt es dann besser als die Hybrid- oder Turboschweine zu Dumpingpreisen.

Wir Konsumenten haben es doch auch in der Hand, der Ausbeutung von Mensch und Tier und Natur entgegen zu treten. Regional kaufen, auf Qualität achten und eben nicht nur auf den Preis! Die Landwirtschaftsministerin sprach auch davon, dass künftig Billigfleisch gekennzeichnet wird. Das finde ich putzig. Erkennt man dieses nicht schlicht und einfach daran, dass es BILLIG ist?

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 16 / Oktober 2020.

Christine Grän

wurde in Graz geboren und lebte in Berlin, Bonn, Botswana und Hongkong, bevor sie nach München zog. Die gelernte Journalistin wurde durch ihre Anna-Marx-Krimis bekannt, die auch verfilmt wurden. Sie veröffentlichte unter anderem die Romane „Die Hochstaplerin“, „Hurenkind“ und „Heldensterben“. Zuletzt erschienen „Amerikaner schießen nicht auf Golfer“, „Sternstraße 24“ und „Glück am Wörthersee“ im ars vivendi Verlag.