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Wirtschaft

Brillen machen Leute

Das Rollenspiel verstehen

Von Annika Lüders

(Fotografie: Löwen Foto Braunschweig Adobe Stock/skilledV)

Stimmen und Gelächter schwirren durch das Restaurant und werden von den Wänden zurückgeworfen. Musik und Geschirrklappern füllen den Raum. Mitten in diesem Akustikbrei erledigt einer eine hochkomplexe Aufgabe. Er misst die Frequenz jedes Geräusches, ortet die Stimmen in der Nähe. Aus diesen Informationen filtert er die heraus, die für seinen Besitzer relevant sind. Alle anderen schwächt er ab oder leitet sie gar nicht weiter. Der winzige Computer in einem Hörgerät erledigt all das in Echtzeit und ermöglicht dessen Träger, auch in einem lauten Restaurant eine Unterhaltung zu führen.

Akustischer Fokus

„Ein Hörgerät kann wahnsinnig viel“, bestätigt die Hörakustik-Meisterin Steffi von Siegroth. Früher sei es im Grunde nur ein Verstärker gewesen, der jedes Geräusch einfach multi­pliziert hat. „Heute sind es kleine Computer“, erklärt von Siegroth. „Sie erkennen den Unterschied zwischen Sprache und Störgeräuschen wie etwa Straßenlärm.“

Von Siegroth führt die hören und sehen GmbH, ein Geschäft für Hörgeräte und Brillen in Braunschweig. Jeder ihrer Kunden hat andere Bedürfnisse, aber eines ist der 43-Jährigen und ihren beiden Mitarbeitenden besonders wichtig: „Bei uns geht jeder mit einem zeit­gemäßen Hörgerät aus dem Geschäft.“ Der Kundenservice ist bei hören und sehen die Marketingstrategie schlechthin. „Nach etlichen Zeitungskampagnen, Ausstellungen bei Messen und Großplakatwerbung, stellte sich heraus, dass Kundenzufriedenheit die beste Werbung ist“.

Steffi von Siegroth schenkt ihren Kunden Gehör

Die Leute kommen oft verunsichert und skeptisch zu ihr. Hörgeräte wären nur teuer und würden nicht wirklich helfen. Viele Schwerhörige haben auch einfach nur Angst vor der Umstellung. Denn es erfordert von beiden Seiten Zeit und Geduld, das Gehirn und auch die Nervenbahnen neu zu trainieren. All dem begegnet von Siegroth mit ihrer unaufgeregten, freundlichen Art. Wenn es erforderlich ist, fährt auch einer mal zum Haus­besuch. Zufriedene Kunden empfehlen das Geschäft weiter. So sind mittlerweile fast zwölf erfolgreiche Jahre seit der Gründung des Geschäftes vergangen. Das beste Marketing ist und bleibt stets der zufriedene Kunde, denn dieser empfiehlt den „Geheimtipp“ meist auch weiter, was von Siegroth auch deutlich merkt.

Durchblick mit Weitsicht: Brillen machen Leute

hören und sehen lockt nicht mit Rabatt- Aktionen wie größere Ketten. „Zwei sehr gute Gleitsichtgläser kosten schon mal 1400 Euro.“ Dafür bekommt man individuell gefertigte Gläser, wo nicht nur Augenabstand und Lesebereich berücksichtigt werden, sondern auch der Sitz der Brille und natürlich und vor allem auch die Präferenzen des Trägers. „Soll ein Hörgerät möglichst unauffällig sein, kann auch die Brille ein echter Hingucker sein. Eine Fassung verändert das Gesicht und verstärkt die Ausstrahlung eines Menschen. Eine neue Persönlichkeit durch die Brille zu zaubern, ist zumindest nicht der Fokus bei ihr. „Unsere Brillen unterstreichen den Typ, sie verändern ihn nicht.“ Dennoch stellt sie fest, dass zunehmend Kunden für unterschiedliche Anlässe auch unterschiedliche Outfits mit dazu passenden Brillen suchen, um eben gerade unterschiedliche Typen leben zu können. Da staunt sie immer wieder, wie sehr die Brille einen anderen Typ kreieren kann. „Diese Kunst des Rollenspiels beherrscht allerdings nicht jeder.“

Die breite der Klientel sei meist sehr stilsicher und oftmals möchten die Kunden eine individuelle Brille. Auch deshalb arbeitet sie mit ausgesuchten Herstellern zusammen. „Ich suche jede Fassung selber aus und habe dabei oft schon Kunden – und manchmal sogar auch ihre vielfältigen Persönlichkeiten – dabei im Hinterkopf“, freut sich Siegroth abschließend.

Ausblick und Zukunftsmusik

„hören und sehen hat keine Kunden, sie haben Fans“, so der Lebensgefährte von Steffi, der gelegentlich unterstützt und aushilft. Da bedankt sich schon mal jemand für die individuelle Anpassung seiner Brille mit einer Flasche Wein, selbstgemachter Marmelade oder den Korb selbst gepflückter Bio-Äpfel aus dem eigenen Garten. Ein anderer scherzt: „Jetzt verstehe ich endlich meine Frau wieder – aber leider halt auch nur akustisch.“

Für Steffi von Siegroth und ihrem Team ist das die schönste Anerkennung. Die Passion ist und bleibt, die Kunden persönlich mit Wohlklang und Durchblick zu versorgen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 15 / April 2020.