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Wirtschaft

Das Braunschweig und Wolfsburg Sofa

Im Gespräch mit dem Outlet-Centermanager Michael Ernst

Von Florian Bernschneider, Jens Richwien

(Fotografie: Marc Stantien)

Wir sitzen hier oben auf dem Dach der Designer Outlets Wolfsburg und haben einen großartigen Blick. Im Interview mit dem Outlet-Centermanager Michael Ernst sprachen Redakteur jens Richwien und der Geschäftsführer vom Arbeitgeberverband Florian Bernschneider über die Entwicklung Wolfsburgs und wie Michael Ernst das Designer Outlet Wolfsburg zum glänzen bringt.

Bernschneider: Lass uns auch inhaltlich mit der Vogelperspektive starten und auf die Entwicklung Wolfsburgs schauen. Städtebaulich hat sich das Gesicht der Stadt in den letzten 15 Jahren rasant gewandelt. Das kann man von hier aus besonders gut sehen. Was ist aus Deiner Sicht mit den Menschen, der Kultur in Wolfsburg in dieser Zeit passiert?

Ernst: Herzlich willkommen erstmal und ich freue mich, dass Ihr heute hier seid. Eine Location, die nicht unbedingt so häufig bei uns gewählt wird – auch eine Premiere heute: ein Interview hat hier noch nie stattgefunden. Grundsätzlich habe ich – denke ich zumindest, von mir behaupten zu können – einen guten externen Blick auf Wolfsburg. Ich selbst komme nicht aus Wolfsburg und bin ein „zugezogener“ Wolfsburger.

Wie diese Stadt sich entwickelt, ist einfach superrasant und mir fällt keine andere Stadt in Deutschland oder sogar Europa ein, die sich so schnell entwickelt wie Wolfsburg.

Als ich nach Wolfsburg gekommen bin, hatte ich den Eindruck, dass keiner wirklich „stolz“ auf die Stadt war. Ich selbst wurde von Freunden und Bekannten gefragt, ob ich strafversetzt wurde! Eine Stadt, die nicht einen sonderlich guten Ruf hatte im Land, hatte auch selbst wenig Stolz-Gefühl – das war mein Eindruck! Mittlerweile hat sich dies über die Jahre geändert. Es ist eine neue Generation in Wolfsburg, die sicherlich noch kritisch auf die Stadt schaut, aber auch mit Stolz auf die Entwicklung schaut und mit Stolz und Vorfreude auf die Zukunft blickt!

Du wagst den Rückblick auf die letzten 15 Jahre. Ich würde mich gerne mit Dir in 15 Jahren hier wieder treffen (wenn wir denn noch fit genug sind, um aufs Dach zu klettern) und schauen, wie Wolfsburg sich noch weiterentwickelt hat. Ich würde mich für die Stadt und die Wolfsburger sehr freuen, wenn dies alles hier nur der Anfang war!

Bernschneider: Du stehst auch als Typ für eine neue Generation Wolfsburg und mir fällt auf, dass mit dem Generationenwechsel an beiden Standorten auch der Draht zwischen Braunschweig und Wolfsburg kürzer wird. Mal abgesehen von Kundschaft aus Braunschweig für die Designer Outlets – was steckt für Dich in dieser Verbindung?

Ernst: Die Region finde ich unheimlich spannend! Und wie ich schon erwähnt habe, da ich nicht aus Wolfsburg komme, habe ich diese „Stadtgrenzen“ nie gesehen.

Die Region hat so viel zu bieten und gemeinsam ist man sicherlich stärker. Ich denke dies sehen die „Netzwerke“ mittlerweile auch so und jede Stadt hat seine eigenen Stärken und Erfahrungen. Diese zusammen „geworfen“ und man wird als Region ganz anders wahr­genommen. Und: Es ist doch heute keine Distanz mehr mit dem Enno nach Braunschweig zu fahren oder umgekehrt. Beide Städte werden in Zukunft sicherlich noch enger zusammenrücken, die nachfolgenden Generationen werden diesen Draht noch viel mehr nutzen, da die Distanz durch die zukünftige Mobilitäts-Möglichkeiten immer weniger Barrieren aufzeigen wird und auch jüngere Generationen eher die Regionen als Heimat sehen werden.

Richwien: Du bist vom Marketingclub kürzlich als Marketingpersönlichkeit des Jahres ausgezeichnet worden und hast treffend erklärt, dass Marketing vor allem bedeutet, sich jeden Tag neu zu erfinden. OMR-Festival, Netzwerke oder bestimmte Podcasts – wo holst Du Dir die Impulse dafür?

Ernst: Das ist mein Geheimnis! Nein, es ist nicht einfach, dies zu definieren oder an bestimmten Punkten fest zu machen. Wichtig ist aus meiner Sicht, mit „offenen Augen“ durch die Welt zu gehen und offen für Neues zu sein – auch Disziplin-übergreifend! Ein neuer Impuls muss für mich nicht unbedingt nur aus dem Marketing oder Einzelhandelsbereich sein. Ich lasse mich auch von ganz anderen Bereichen gerne inspirieren.

Und der Austausch mit Menschen ist mir wichtig. Aus Familie, Freunden und Bekannten ziehe ich oftmals meine Inspirationen. Manchmal ist man so in „seiner eigenen Welt“ dass es hilfreich ist, wenn man mal auf eine andere Sichtweise hingewiesen wird. Man sollte sich auch immer selbst hinterfragen – eine Entscheidung, die man vor zehn Jahren getroffen hat, muss heute nicht mehr richtig oder zeitgemäß sein. Dass man die Entscheidung damals so getroffen hat, heißt aber nicht, dass diese falsch war, nur weil sie heute nicht mehr funktioniert und korrekt ist. Inspiration ist für mich auch die Bereitschaft für Veränderungen.

Bernschneider: Lass uns das Titelthema des Magazins aufgreifen: Wie optimiert man ein Designer Outlet? Fahrt ihr datenbasierte Auswertungen, um Markenpräferenzen eurer Kunden besser zu verstehen, Laufwege zu verbessern und Neuansiedlungen voran­zutreiben? Oder setzt Du eher auf Dein Bauchgefühl, gesunden Menschenverstand und einen richtigen Trendriecher?

Ernst: Sicherlich ist es eine Mischung aus allem ein bisschen. Ich finde das Bauchgefühl weiterhin enorm wichtig, auch wenn man heutzutage viel mehr Daten hat und Entscheidungen auf Grund dieser Datenvorlage treffen kann.

Wir sind ein Team und jeder hat seine Stärken und wir tauschen uns intensiv aus, um am Ende das Beste für unser Produkt – die Designer Outlets Wolfsburg – zu erzielen. Aber natürlich haben wir auch unsere Auswertungen und Erhebungen.

Was bringt es uns, an Marken zu vermieten, wenn der Kunde diese gar nicht haben will. Unser Geschäftsführer sagt immer, wir dürfen keine Entscheidungen „am Kunden vorbeitreffen“, d. h. alles, was wir im Center machen, muss dem Kunden gefallen. Da gibt es ja unzählige Sprichwörter, wie „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler!“ etc. – solche Sprüche sind oftmals sehr wahr!

Wir haben Befragungen im Center, wir haben unser Kundenbindungsprogramm und viele weitere Informationen über unseren Kunden. Diese ziehen wir natürlich zu Entscheidungen heran. Dies wird auch in Zukunft immer wichtiger. Persönlich finde ich es immer schön, wenn unsere Besucher sich eine Marke wünschen und wir diesen Wunsch nach unseren Erhebungen dann auch realisieren können. Das ist uns als Unternehmen sehr wichtig! Wenn man aber hin und wieder auch einen guten „Trendriecher“ hat und mal mit einer Überraschung kommt, die noch keiner auf dem Radar hatte, wie z. B. unser Frittenwerk, dann ist dies auch ein sehr gutes Gefühl – welches nicht unbedingt nur auf Kennzahlen beruht.

Bernschneider: Du bist als Chef der Outlets Innovator und Repräsentant, aber auch Führungskraft in Deinem eigenen Team. Was macht eine gute Führungskraft für Dich aus? Was bedeutet ein Schlagwort wie New Work für Dich in der Praxis?

Ernst: Eine gute Führungskraft ist für mich in erster Linie sicherlich eine Person, die mit gutem Beispiel voran – gehen kann. Im Kindergarten meiner Tochter steht das Zitat „Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts“ (von Friedrich Fröbel, dt. Pädagoge und Gründer des ersten deutschen Kindergartens). Dieser Spruch hat so viel Wahrheit und ich finde dieses Zitat so stark. Auch Führung ist im Prinzip nichts anderes: „Vorbild und Leidenschaft für den Beruf“.

Dies versuche ich vorzuleben und dies erwarte ich von einer guten Führungskraft. Natürlich sollte man Zeit für seine Mitarbeiter haben und die Mitarbeiter fördern und fordern. Dies sollte selbstverständlich sein. Das Thema „New Work“ finde ich extrem spannend. Da wird auf uns viel zukommen und die Arbeitswelt wird sich komplett ändern, davon bin ich überzeugt! Das wird positiv. Dies ist aber die letzten Jahren/Jahrzehnte/Jahrhunderten immer der Fall gewesen und jetzt nennt man diese Transformation eben „New Work“. Viele Unternehmen hatten dies schon umgesetzt und hatten dafür einfach noch keine Bezeichnung und es war dort selbstverständlicher.

Für Unternehmen ist es nicht ganz einfach, gerade für uns als mittelständisches Unternehmen. Da haben große Firmen sicherlich mehr Spielraum und Möglichkeiten. Bei „New Work“ geht es ja mehr als nur um „Home Office“ und einen „schönen Teamraum“.

Da müssen sich mittelständische Unternehmen ranarbeiten und Mut beweisen und vielleicht ein bisschen Investitionsbereitschaft mitbringen. Gerade die Kreativ-­Branche hat in diesem Bereich eine Vorreiterrolle übernommen.

Richwien: Hattest oder hast Du Vorbilder, die es aus Deiner Sicht geschafft haben, sich immer wieder zu optimieren und zu entwickeln, ohne sich dabei zu verlieren?

Ernst: Das hört sich nun sehr flach an, aber sicherlich war dies mein Vater – auf seine eigene Art und Weise und damals hat man dies als Sohn vielleicht auch gar nicht so gesehen.

Als Ingenieur musste er auch immer wieder neue Entwicklungen berücksichtigen und diese in seinen Alltag einbeziehen und musste sich selbst und seine Entscheidun­gen immer wieder hinterfragen. Im hohen Alter hatte er noch den Ehrgeiz, sein Englisch zu verbessern und ist in eine Art „Senioren-Uni“ gegangen. Er war immer sehr neugierig.

Dies hat er mir auch mit auf meinen Weg gegeben. Mit der Zeit zu gehen, neugierig zu sein, flexibel, beweglich und mit offenen Augen durchs Leben zu gehen.

Richwien: Wo siehst Du Dich und unsere Region in der Zukunft? Was gäbe es aus deiner Sicht noch dafür zu tun bzw. zu verbessern?

Ernst: Die Region wird aus meiner Sicht noch weiter zusammenrücken, stärker und attraktiver werden. Es wird immer den „Lokal-Patriotismus“ geben und das ist auch gut so –, aber sicherlich wird man und sollte man in vielen Bereichen näher zusammenrücken.

Die Städte und die „Charaktere“ müssen dazu ihr eigenes Ego etwas hinten anstellen, um etwas gemeinsam zu schaffen – davon können am Ende alle nur profitieren.

Die Region muss voneinander lernen und sollte nicht neidisch auf Projekte in der anderen Stadt sein, sondern sich für die Projekte freuen, die hier in der Region 38 auf so engen Raum entstehen. Das kann die Region nur stärker und attraktiver machen. Und am liebsten würde ich mich mitten in dieser Entwicklung sehen und vielleicht auch einer sein, der für dieses „Gedankengut“ in der Region steht!

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 15 / April 2020.