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Kultur

Den flüchtigen Moment fixiert

Ein Interview mit dem Fotografen Marc Stantien

Von Falk-Martin Drescher

(Fotografie: Marc Stantien)

Als der gebürtige Wolfenbütteler Marc Stantien in die Fotografie einstieg, war Kameratechnologie noch schwer erschwinglich – ein magisches Medium. Das begeisterte ihn früh, so stieg er in die Branche ein, begleitete über die Jahre auch die hiesige Medien- und Musikszene. Wo mittlerweile unzählige YouTube-Tutorials neue Tipps und Tricks erläutern, eignete sich der Autodidakt früher in der HBK-Bücherei neue Herangehensweisen und Kenntnisse an.

Heute hat er mit seinem STANTIEN FOTOSTUDIO den Schwerpunkt in die Produkt-, Werbe- und Industriefotografie. Beschäftigt in seinem Studio im Östlichen Ringgebiet in Braunschweig mehrere Mitarbeiter. Über die Entwicklung des Mediums, die Digitalisierung der Branche und auch außergewöhnliche Shootings sprach er mit STADTGLANZ.

Wie sind Sie damals zur Fotografie gekommen?

Stantien: Mein Vater hat damals Drogist gelernt, das war eine ziemlich umfangreiche Ausbildung. Die mussten unter anderem selbst Chemikalien anmischen – auch für Fotografen – dafür gab es einen eigenen Giftkeller. Auch hatten sie ein eigenes Fotolabor sowie eine eigene Abteilung dafür. Er brauchte immer wieder auch Kameras mit nach Hause, so habe ich mich schon früh mit der Fotografie auseinandergesetzt. Beim Kunstunterricht in der Schule habe ich schließlich meine Kamera mitgebracht und eingesetzt, später habe ich mich der Foto-AG angeschlossen. Mein Vater richtete mir später in unserem Keller mein eigenes Fotolabor ein.

Was hat Sie an dem Medium so fasziniert?

Einerseits der Umgang mit der Technik: Damals war es ein sehr teures Hobby, Kinder durften damit eigentlich gar nichts anfangen. Insofern war das sehr geheimnisvoll. Andererseits das Festhalten des flüchtigen Moments: Wenn damals in der Dunkelkammer auf ursprünglich weißem Papier Fotografien entstanden sind, das war schon etwas Besonderes. Damals war die Fotografie im Freundeskreis auch noch exotischer als heute – damals mit der Polaroidkamera in der Hand stand die gesamte Schulklasse um einen herum (lacht).

Für die einen ist Fotografie Mittel zum
Zweck, für andere Kunst. Was ist es für Sie?

In jedem Fall beides. Beruflich ist es eher die Produktabbildung. Schwarz-Weiß-Porträtfotografie macht mir am meisten Spaß, lässt sich nur eben kommerziell weniger gut umsetzen. Für die Continental AG allerdings haben wirgerade eine gesamte Kampagne in meinem Porträt-Stil umgesetzt: Im Grunde genau so, wie ich es früher schon in meinem Freundeskreis gemacht haben.

Die Schritte von dem Weg in die Selbstständigkeit bis hin zum aktuellen Studio und den Mitarbeitern – kamen die eher schleichend, oder waren dies bewusste Steps?

Als ich 1991 angefangen habe wäre ich nicht auf die Idee gekommen, später Angestellte zu haben. Allerdings: Umso größer der Kundenkreis, desto mehr Infrastruktur und Arbeitsleistung muss man vorhalten. Dies abzubilden ist mir freilich wichtig.

Sie begleiten die regionale Musik- und Medienszene schon seit langer Zeit. Wie kam es dazu?

Während der Ausbildung zum Fotokaufmann bei „Pitz der Fotoladen“ in der Schlosspassage in Braunschweig lernte ich Olaf Stelter vom SUBWAY-Magazin kennen. Für die habe ich Repro-Fotos gemacht, da deren Druckerei keine Plattencover abfotografieren konnte. Für ein Titelbild, das später ja in Farbe gedruckt wurde, benötige man dann schon einmal zehn bis 15 Kilo Filme. Stelter schickte mich auch zu ersten Konzerten – auch um zu schauen, ob ich das hinbekomme (lacht). Später ist auch ein Bandfoto von mir auf der dritten Seite der BILD-Zeitung gelandet, da war ich damals schon sehr aufgeregt. Das sprach sich natürlich herum – damals gab es noch keine Unmengen an Bandfotografen mit eigenen Studios. Such a Surge und Oomph! habe ich so beispielsweise fotografiert – Axel Horn von Such a Surge, den heutigen Geschäftsführer von undercover, haben wir für ein Cover sogar in Stacheldraht eingewickelt. Im nächsten Schritt klopften dann die Plattenfirmen an, da folgten ganz andere, große Aufträge.

Wie hat sich die hiesige Musikszene Ihrer Meinung nach entwickelt?

Ich glaube Braunschweig etwa hatte früher die größte Banddichte, gefühlt weltweit. Es gab rund 300 aktive Bands in der Stadt – keine Ahnung, wie viele es heute noch gibt. Und viele Bands scheinen mit der Zeit mitgealtert zu sein. Die junge Szene ist allerdings natürlich auch super wichtig für die Stadt und Region.

Gibt es bestimmte Kampagnen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

1997 hatten wir mit NEW YORKER zwei Shootings in New York. Das war eine sehr aufregende Zeit. Einmal war ich dort um Sehenswürdigkeiten zu fotografieren, auch Luftbilder sind in diesem Zuge entstanden. Damit sollte später die Einkaufstüte gestaltet werden. Dann gab es noch ein Peopleshooting für eine Kampagne. Wir waren eine Woche da – drei Tage Shooting mit acht Models, vorher Locationscouting. Ein Jahr später waren wir mit NEW YORKER mehrere Tage in Hamburg in einem Mietstudio, haben unter anderem ein schwedisches Model in einem Bold Chair fotografiert. Das Foto hängt heute noch in meinem Studio.

Auch gibt es viele Shootings mit Continental, an die ich gerne zurückdenke. Da waren diverse Radrennstars mit dabei wie etwa Erik Zabel, Jan Ullrich und Daniel „Danny“ MacAskill.

Wie hat sich die Rolle der Fotografie in der Werbung verändert?

Durch das Internet wird zwar mehr Fotografie gebraucht, durch Rendering und Film ist hat die Bedeutung allerdings etwas verloren. Das geht natürlich auch mit einer Veränderung in den Fotostudios einher – ich stelle mich mit meinem Team auch immer mehr im Bereich Videographie auf. Produktvideos biete ich in diesem Zuge etwa auch an.

…das Gefühl für die Fotografie an sich, hat sich das auch gewandelt?

Auf jeden Fall. Klar ist es beruhigender, die Ergebnisse der Fotos sofort auf der Kamera oder dem Laptop zu sehen und mit dem Kunden vor Ort abstimmen zu können. Früher ist man mit dem Film in die Agentur gefahren – das Setting vom Shooting musste stehen bleiben – der Film wurde schnell eingescannt, zum Kunden in kleiner Auflösung gemailt. Der hatte Änderungswünsche, so ging es zurück ins Studio und weiter wurde fotografiert. Und dann das Gleiche nochmal.

Nachteil ist hingegen, dass durch die geringe Einstiegsschwelle – also den geringen Invest hin zur Fotografie – viel mehr Konkurrenz nachkommt. Dadurch wird die Branche schon unterhöhlt. Abgrenzen muss man sich daher etwa durch gute Technologie. „Die Kamera habe ich meiner Tochter vor zwei Jahren auch geschenkt“ will man vom Kunden schließlich nicht hören (lacht).

Was bedeutet die Digitalisierung für Sie grundsätzlich?

Dass ich effizienter arbeiten sowie mehrere Sets gleichzeitig bedienen kann. Die Produktionssicherheit hat sich ferner verändert – es gibt ein unmittelbares Feedback auf die eigene Arbeit. Die Kunden bekommen ihre Daten direkt auf dem Datenträger oder über einen Server, so entsteht eine ganz andere Geschwindigkeit. Früher musste man drei Minuten auf die Entwicklung eines Polaroidfotos warten, so lange möchte heute keiner mehr am Rechner sitzen, bis er das Bild zu sehen bekommt. Dafür kann man durch die neuen Technologien auch experimentierfreudiger sein – früher, als man für einen Film mit 12 Aufnahmen noch zehn Mark ausgegeben hat, hat man sich sicherlich nicht so viel getraut. Insofern ist es ingesamt schon ein Segen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 7 / März 2018.