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Lifestyle

Der Wunsch nach einem besseren Ich

„Jeder Einzelne ist seines Glückes Schmied“

Von Eric Spruth

(Fotografie: Adobe Stock / Michael Burrell Illustration: Gudrun Zwilgmeyer)

Besser, schneller, höher, weiter. „Ich kann das!“, „ich schaffe das!“, „da geht noch mehr!“. Sätze, die jeder kennt. Sätze, die jeder schon einmal so vor sich hergesagt hat. Doch warum machen wir das eigentlich? Warum wollen wir uns in jeder Lebenslage noch verbessern? Egal, ob im Sport, im Beruf oder im Privatleben? Und was haben diese sozialen Medien schon wieder damit zu tun?

Ich fange vorne an: In den 1970er-Jahren hat die Bildungsexpansion, die allgemeine Reichtums­entwicklung sowie die Verinnerlichung politischer und sozialer Grundrechte, die Individualisierung unserer Gesellschaft befeuert. Von nun an waren die Menschen aus den Sicherheiten ihrer Herkunft-Milieus herausgelöst und zu Autoren des eigenen Lebens gemacht worden. Das Mantra dieser Ent­wick­lung, welche eng mit dem Neoliberalismus verflochten ist: „Jeder Einzelne ist seines Glückes Schmied“. Nicht mehr die Gemeinschaft steht im Vordergrund, sondern die Handlung des Einzelnen.

Das eigene Schicksal war also von nun an, als individuelle Verantwortlichkeit zu interpretieren. „Wer nichts tut, aus dem kann auch nichts werden“. Noch nie zuvor machten sich so viele Menschen Gedanken da­rüber, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Von der Ernährung bis hin zu den großen Lebenszielen – wir denken heute viel mehr über unseren Alltag nach als Menschen früherer Generationen. Zentrales Strukturmerkmal der Gegenwartsgesellschaft ist, dass sie weit über die Ökonomie hinaus die Form von Märkten, Wettbewerb und Konkurrenzbeziehungen annimmt. Der Wettbewerbsdruck, der auf dem Individuum lastet, steigt also stetig. Ständig müssen wir uns für oder gegen etwas entscheiden. Für grün, für blau, für dies, für das. Eine Überforderung ist da praktisch vorprogrammiert. Zusammengefasst wird dieses zeitgemäße Phänomen unter dem Namen „FOBO – Fear of a better option“. Um in dieser Gesellschaft erfolgreich zu sein, braucht es also ein großes Maß an: „Selbstkontrolle“, „Selbstoptimierung“ und „Selbstgewissheit“. Doch wirtschaftlicher Erfolg ist nicht für jeden gleichermaßen erreichbar. Auch wenn uns das die ganze Zeit so vermittelt wird.

Der Wunsch nach einem schöneren Ich, und woher kommt der?

Speziell am Beispiel der sozialen Medien lässt sich gut zeigen, dass die heutige Lebensführung an den Maßstäben des Besonderen ausgerichtet ist. Singularität meint das Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen nicht nur ein subjektiver Wunsch, sondern gesellschaftliche Erwartung geworden ist. Denn in den sozialen Medien ist heute jedes Individuum in Echtzeit miteinander vergleichbar. Der öffentliche „Feed“ wird zur neuen gesellschaftlichen visuellen Visitenkarte. Gekämpft wird vor allem um das knappe Gut der „Aufmerksamkeit“. Doch nur wer z. B. einem bestimmten Schönheitsideal entspricht, hat Chancen, diese auch zu erreichen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Selbstoptimierung des Körpers mit dem Aufkommen der sozialen Medien nochmal einen gewaltigen Schub erlebt hat. Je häufiger junge Menschen im Internet mit Themen und Verhaltensweisen konfrontiert werden, in denen die „physische Attraktivität“ thematisiert werden, desto höher erscheint die Bereitschaft, sich z. B. professionell die Zähne bleichen zu lassen.

63 % der befragten Mädchen, die einer Influencerin folgen, ist es sehr wichtig, schlank zu sein. Bei Mädchen, die keiner Influencerin folgen, sind es nur 38 %. Und auch viele bekannte Beauty-Filter auf Instagram oder Snapchat bedienen sich stereotypischer Schönheitsideale. So gelten Frauen­gesichter, die kindhafte Merkmale (Kindchenschema), wie z. B. große, runde Augen, eine kleine, kurze Nase, ein kleines Kinn und hohe Wangenknochen (Zeichen der Reife) aufweisen, als bei Männern besonders attraktiv. Viele dieser Filter konfrontieren junge Frauen also fortwährend mit dem beschriebenen Schönheitsideal. Per Klick kann das reale Ich dann digital schnell diesem Ideal angepasst werden. Waren es vor einigen Jahren noch bekannte Stars, denen Otto-Normalverbraucher im Aussehen nacheifern wollten, so sind es mittlerweile die eigenen, von Filtern und Bearbeitung perfektionierten Selfie-Projektionen. Selbst vor Schönheitsoperationen wird da nicht mehr zurückgeschreckt. Und das alles nur für ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und Reichweite.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 15 / April 2020.