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Kultur

Die Disco-Idioten

In der Gesellschaft gewöhnt man sich an eine „neue Normalität“

Von Falk-Martin Drescher

Ein seltenes Bild: Oliver Strauß (Strauß & Lemke Gruppe), Ulrich Schwanke (Okercabana, Haifischbar), Gennadi Frei (Privileg), Evren Songürer und Maximilian Burkhardt (beide Brain Klub) sitzen mit großem Abstand gemeinsam im Flamingo Rosso und tauschen sich aus. In den trubeligen Alltagen sind derartige Runden eher eine Seltenheit. Doch derzeit eint sie vor allem eins: Ihre Läden dürfen nicht öffnen.

Nach dem Corona-Lockdown läuft, mehr oder weniger, vielerorts wieder eine Art Alltag an. Aber nicht überall: Die Clubszene etwa muss sich in puncto Rückkehr in den Betrieb ganz hinten anstellen. STADTGLANZ lud deshalb einige Discothekenbetreiber zum Runden Tisch ein und erkundigte sich nach der jeweiligen Lage.

„Die Branchen, auch die Tagesgastronomie, kehren in eine Normalität zurück. Bei uns passiert gar nichts“, skizziert Strauß. Und er fügt hinzu: „Es ist einfach wahnsinnig schwierig ohne jegliche Perspektive.“ Tatsächlich ist bis dato (Anmerkung: zu Redaktionsschluss) unklar, wann und wie die Discotheken wieder in den klassischen Betrieb zurückkehren dürfen. Und wenn es soweit ist, mit welchen Spielregeln. Das nagt an den Nerven – vor allem aber auch an den finanziellen Polstern. „Etwaige Steuererleichterungen sind schön, bringen allerdings nichts, wenn man überhaupt gar nicht geöffnet hat“, so Strauß. Die Betreiber, sie fühlen sich zurückgelassen. „Die Solidarität, die wir erfahren, ist wirklich aufmerksam“, schildert Frei. Aber, so Songürer: „Trotzdem bleiben wir für viele eben die Disco-Idioten.“ Viele würden auch denken, dass sie alle nun unheimlich viel Freizeit hätten. „Was aber die Wahrheit ist: Wir füllen den ganzen Tag Anträge sowie Formulare aus und versuchen irgendwie unsere Belegschaft weiter zu halten“, bringt es Strauß auf den Punkt.

Die Wirtschaftskraft sowie die Bedeutung der Clubszene für die hiesige Kulturlandschaft werde einfach viel zu oft unterschätzt. Songürer fügt hinzu: „Wir alle halten seit Jahren die Nachtkultur am Leben. Unzählige Angestellte verdienen hier ihr Geld, wir geben vielen einen Arbeitsplatz. Außerdem finde ich, dass wir für die Größe der Stadt eine umfangreiche Clubvielfalt haben. Das ist eine wichtige Standortattraktivität für die Menschen, die hier leben, sowie die, die überlegen nach Braunschweig zu ziehen.“ Sei es für den neuen Job oder das Studium. „Die Clubszene wird leider zu wenig als kunst- und kulturschaffend angesehen.“ Schwanke bestärkt: „Das Nachtleben ist gelebte, zeitgemäße und aktive Kultur.“

Wir sind hier, wir sind relevant.

Die Clubszene in der Stadt, so sehen es die Betreiber, sei in vielerlei Hinsicht eine Besondere. Während in anderen Städten jeder Discothekeninhaber sein eigenes Ding macht, pflege die hiesige Szene einen intensiven Austausch. „Das gilt übrigens auch für die Zusammenarbeit beispielsweise mit der Stadtverwaltung oder der Polizei“, ergänzt Burkhardt. Doch in dieser, aktuellen Zeit kommen sie sich abgehängt vor. „Kaum ein Verantwortlicher hat das Gespräch gesucht oder auf Anfragen reagiert“, beklagt Strauß. Auch bemängelt er, dass die hiesige Gastronomie sehr unterschiedlich intensiv hinsichtlich aktueller Verordnungen kontrolliert werden würde. „Und die, die sich nicht an die Regeln halten, schaden allen anderen Akteuren“, ärgert sich Songürer. Ferner sei es verwirrend, dass sich jedes Bundesland auf mitunter sich sehr stark voneinander unterscheidende Regeln abstimme. In der öffentlichen Wahrnehmung sorge das für viel Unverständnis – derweil auch bei den Clubbesitzern.

Natürlich haben die Betreiber in den vergangenen Monaten nicht einfach den Kopf in den Sand gesteckt. Über die Monate sind einige Alternativprojekte entstanden: Songürer hat den „Meile United“-Clubstream mit initiiert, im Kultviertel ist der Livestream „The Roof Is On“ entstanden, das Eulenglück hat mit „Beats & Burger“ ein Bar-Imbiss-Konzept auf die Beine gestellt und die Strauß und Lemke Gruppe beteiligt sich als gastronomischer Partner am „Wolters Kulturgarten“. Der Brain Klub initiierte zudem eine Supporter-Aktion, um Spenden zu sammeln. Finanziell sind viele Anstrengungen leider eher ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dennoch: Die Clubszene kann und will nicht aufgeben. Vor allem sendet sie die Botschaft aus: Sie sind hier – und sie sind relevant.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 16 / Oktober 2020.

Falk-Martin Drescher

studierte Stadt- und Regionalmanagement und ist gelernter Quartiersmanager, engagiert sich selbst ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzender des Braunschweiger Kultviertels. Im Medienbereich selbstständig, neben seiner journalistischen Tätigkeit als Konzepter, Moderator und im Bereich Influencer Relations aktiv. Mit dem The Dude-Newsletters (www.meett hedude.de) informiert er zudem jeden Montagmorgen über ausgewählte Events und Neuigkeiten aus der Region.