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Kultur

Die intuitive Kraft des Künstlers

Ein Interview mit Jaeschke Manzurkarga

Von Falk-Martin Drescher

Bullets 2 Öl auf Leinwand, 2014 (Fotografie: Manzur Kargar)

Seine Werke sind regelmäßig in Galerien in den USA, Deutschland, Italien und Südafrika zu sehen. Heute lebt der gebürtige Afghane in der Kreativ-Boomtown Berlin – gelernt hat er an der HBK Braunschweig.

Für ein paar Wochen kehrt er nun wieder in die Löwenstadt zurück: Bis zum 24. März noch ist seine Ausstellung „Glossy“ in der Galerie Jaeschke zu sehen. Falk-Martin Drescher sprach mit ihm über HBK-Zeiten, kreative Szenen und mediale Reizüberflutungen.

Sie sind in Kabul geboren – welche Umstände haben Sie gerade in die Region Braunschweig-Wolfsburg verschlagen?

Mein Vater ist aus Afghanistan und hat meine Mutter, eine gebürtige Berlinerin, in West-Berlin während seines Studiums kennengelernt. Nach ihrer Heirat sind die beiden in den 1960er Jahren zu seiner Familie nach Kabul übergesiedelt. Dort bin ich geboren und habe meine frühe Kindheit im Schoß der Afghanischen Großfamilie verbracht. Anfang der 1970er Jahren sind wir wieder zurück nach West-Berlin. Ende der 1970er Jahre hatte mein Vater eine Anstellung bei Siemens Braunschweig bekommen und wir zogen in die Löwenstadt. Dort habe ich  meine Teenager-Jahre verbracht, war Musiker in einer Band, habe Abitur gemacht, meinen Zivildienst geleistet und an der HBK Malerei studiert. Als die Mauer fiel habe ich mein Studium in Berlin fortgesetzt.

Welchen Eindruck hatten Sie von der HBK damals – und hat sich das Bild von der Uni gewandelt?

Ich habe sehr gerne an der HBK studiert. Für mich war das der interessanteste Ort in Braunschweig. Dort hatte ich meine Freunde und Kommilitonen. In der Mensa hat man alle getroffen, die man treffen wollte und dort liefen die besten Parties. Noch bevor ich da studiert habe war ich regelmäßig auf Veranstaltungen in der HBK. Damals gab es dort auch Konzerte von New-Wave-Bands wie BAUHAUS, ULTRAVOX und anderen, die mich sehr geprägt haben.

Das Studium war sehr intensiv, die Professoren nahmen sich sehr viel Zeit für die Studenten. Man hat nicht nur Kunst gemacht, sondern auch heftig diskutiert und schwer gefeiert. Manchmal bin ich tagelang nicht nach Hause gekommen. Dort habe ich gelernt, dass Kunst und das Künstler-Sein viel mehr ist als nur eine Tätigkeit oder ein Beruf.

Wie sich das Bild der Uni gewandelt hat, kann ich nicht genau sagen, da ich sehr wenig mit der akademischen Welt zu tun habe. Was mir auffällt, wenn ich mit jüngeren Künstlern, sprich Absolventen, spreche, ist, dass sie viel mehr Fokus auf ihren Werdegang und ihre Karriere legen. Sie wissen Bescheid, wo man die besten Stipendien bekommt, welche Galerie angesagt ist und mit welchen Kuratoren man zusammenarbeiten sollte.

Meine Generation hat sich eher dem System verweigert. Karriere galt als Schimpfwort und man hat mehr den wilden, unangepassten, romantischen Bohemien raushängen lassen. Was nun besser ist, kann ich nicht sagen. Ein bisschen mehr Auseinandersetzung mit der Realität hätte mir sicherlich nicht geschadet.

Die Region hat, zahlenmäßig betrachtet, eine große Zahl an Kreativen, insbesondere auch Designern. Wie kreativ stufen Sie die Region selbst ein?

Leider kenne ich mich gegenwärtig in der kreativen Szene der Region nicht so gut aus, allerdings hatte ich zu meiner Braunschweiger Zeit eigentlich nur mit Kreativen zu tun. Alle meine Freunde und Bekannte haben irgendetwas gemacht, gemalt, fotografiert, Experimentalfilme gedreht, geschrieben und vor allem Musik gemacht.

Besonders die Musikszene war sehr spannend. Jeder hat in irgendeiner Band gespielt und es gab unzählige Konzerte. Natürlich war es so, dass die Meisten dann nach dem Studium in größere Städte abgewandert sind, nach Hamburg, Köln und vor allem Berlin. Mit vielen Braunschweigern, die in Berlin gelandet und weiterhin kreativ sind, habe ich nach wie vor guten Kontakt. Der Grundstein unserer künstlerischen Existenz wurde in Braunschweig gelegt.

Insbesondere die jüngere Generation ist – durch den schnellen Medienzugang – sehr an eine „kostenfrei-Kultur“ gewöhnt. Wie sehen Sie das: Weiß die jüngere Generation gute Kunst zu schätzen?

Gute Kunst wird immer geschätzt, von jüngeren und älteren Generationen. Kunst ist kein Massenmedium, man braucht einen Zugang und man muss sie suchen und dann finden. Dafür sind die neuen Medien sogar recht hilfreich. Man muss nicht mehr in Bibliotheken gehen und in dicken Büchern wälzen, oder reisen um Künstler zu entdecken. Man hat von seinem Schreibtisch aus auf seinem PC Zugang zu Kunstwerken auf der ganzen Welt.

Allerdings bleibt einem das physische Erfahren von Kunst, um sie wirklich  zu verstehen, nicht erspart. Die Sixtinische Kapelle kann man sich nicht auf dem Smartphone angucken, da muss man schon in den Vatikan nach Rom fahren. Das wissen auch die „Digital Natives“. Wer da kein Interesse hat, wird das auch nicht machen, mit oder ohne neue Medien.

Wie würden Sie Ihre Malerei beziehungsweise Ihren Stil beschreiben? Was zeichnet ihn aus?

Von Anfang an hat mich in meiner Malerei die Darstellung des Menschen, die Figur in all ihren Facetten, am meisten interessiert. Das hat sich bis heute nicht geändert. Als Künstler mit bikulturellem Background – Deutsch-Afghanisch – hatte ich als junger Student große Probleme eine künstlerische Identität zu finden. Ich fühlte mich weder der deutschen, mitteleuropäischen, noch der orientalischen Tradition verpflichtet, obwohl ich in beiden Kulturen viele Aspekte liebe und schätze. Erst die intensive Auseinandersetzung mit der griechischen Antike, die Verbindung von Orient und Okzident und dem darin enthaltenen Wertekanon, der bis heute in der westlichen Welt Gültigkeit hat, öffnete mir eine künstlerische Welt in der ich mich „heimisch“ fühlen konnte.

Die Darstellung des Menschen und ihre Idealisierung in den antiken Skulpturen war eine riesige Inspirationsquelle für mich und meine Malerei. Lange Zeit habe ich dann an großformatigen Göttinnen im neo-klassizistischen Stil gearbeitet und konnte mit diesen Bildern erste Erfolge verzeichnen. Die Auseinandersetzung mit der idealisierten Darstellung des Menschenbildes und dem Schönheitsbegriff der Antike warf dann in mir die Frage auf, inwiefern diese Aspekte in unserer heutigen Wahrnehmung noch relevant sind und wo sie vorkommen. Natürlich landet man dann in dem Bereich der Werbung, des Körperkults, der Popkultur und der Mode in unserer allgegenwärtigen Medienwelt. Diese omnipräsenten Abbilder von Menschen in idealisierten Posen bieten mir nun eine unendliche Ressource an Vorlagen, die ich dann am Computer solange bearbeite, bis eine Bildidee entsteht, die ich für „malbar“ erachte und sie dann in einer langwierigen, mehrschichtigen Lasurtechnik in Malerei auf meist großformatigen Leinwänden umsetze. Diese Bilder sind im Ansatz der amerikanischen Pop-Art verwandt, sind aber in der Ausführung eher altmeisterlich gedacht.

Sie thematisieren das von den Medien geprägte Idealbild weiblicher Schönheit. Welche Botschaft wollen Sie damit vermitteln?

Ich habe keine Botschaft. Da bin ich ganz bei David Lynch: „Wenn Du was zu sagen hast, schreib eine Postkarte oder eine E-Mail.“ Ich glaube vielmehr an die intuitive Kraft des Künstlers, der Kunst und das Betrachters. Ich nehme nur wahr was um mich herum passiert, greife mir gewisse Aspekte heraus und setze sie in einem andern Kontext zusammen. Die Entscheidung wie und was ich zusammenfüge passiert rein unterbewusst und assoziativ.

Wünschen Sie sich mit Blick auf die Medienwelt in der Hinsicht einen Wechsel, eine andere Haltung?

Was mir auffällt ist die Menge an Bildern und Informationen, denen wir ständig ausgeliefert sind und vor denen es kein Entrinnen mehr gibt. Ein regelrechter Tsunami. Das hat natürlich einen Effekt auf unsere Wahrnehmung und unsere Aufmerksamkeit.

Niemand guckt sich mehr Bilder richtig an. Nach einer halben Sekunde wird weitergeklickt. Wir machen ständig Fotos mit unseren Smartphones, die dann ungesehen auf irgendwelchen Festplatten oder Clouds landen und von niemandem angesehen werden. Wenn ein Bild mal auf Social Media gepostet wird und ein Like oder sogar ein Kommentar erheischt, ist das schon das Höchste der Gefühle. Die Tatsache, dass ich Bilder aus der medialen Welt für meine Malerei verwende ist vielleicht nichts anderes als der Versuch, die Welt zu verlangsamen. Malerei ist ein sehr langsames Medium, man muss sehr viel gucken, ausprobieren, hin- und herschieben, Entscheidungen fällen. Alles sehr unzeitgemäß und konträr zu unseren alltäglichen Sehgewohnheiten. Deshalb braucht das gemalte Bild einen geschützten Raum, einen Raum der Kontemplation, einen Raum der Stille, wo man sich wieder auf das Bild konzentrieren kann. Vielleicht ist ja die Malerei unsere Rettung.

Welche Meilensteine in Ihrer Arbeit als Künstler, Maler, sind für Sie persönlich die wichtigsten Erfolge?

Ich hoffe, dass die größten Erfolge und Meilensteine noch vor mir liegen. Mir ist es in erster Linie wichtig, dass meine Bilder nicht aufeinander gestapelt mit dem Gesicht zur Wand ihr Dasein im Atelier fristen müssen, sondern, dass sie in die Welt hinausgehen. Diesbezüglich bin ich recht glücklich, dass meine Arbeiten weltweit in privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten sind und Galerien in den USA, Italien, Südafrika und Deutschland regelmäßig gezeigt werden. Wie jetzt auch in der Galerie Jaeschke.

Welche größeren Projekte planen Sie im weiteren Verlauf des Jahres?

Neben geplanten Ausstellungen bin ich besonders stolz auf die Veröffentlichung einer EP auf Vinyl meines aktuellen Bandprojekts „ARTISTS ON HORSES“, aufgenommen und produziert von Alexander Hacke von den „Einstürzende Neubauten“, die gerade herausgekommen ist.

Alle Bandmitglieder von ARTISTS ON HORSES sind, so wie ich, bildende Künstler – und nach unserem großartigen Record Release Konzert im Januar planen wir weitere Konzerte in Verbindung mit der Präsentation unserer Kunstwerke.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 7 / März 2018.