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Lifestyle

Die Zukunft ist MINT

Zwei Nachwuchswissenschaftlerinnen der TU Clausthal im Porträt

Von Lucas Schubert

(Fotografie: fotolia/derplan13 Lucas Schubert)

Naturwissenschaften haben Tradition an der Technischen Universität Clausthal, der geografisch höchst­gelegenen und kleinsten Universität in der Region, jedenfalls bezogen auf die Studierendenzahlen. Dafür bringt die Uni von jeher Jahr für Jahr Spitzeningenieurinnen hervor und genießt in der Industrie nach wie vor einen sehr guten Ruf.

Spitzeningenieurinnen?

Ja, richtig gelesen. Das Bild moderner Universitäten hat sich grundlegend verändert. Viele Frauen haben inzwischen die Männerdomäne der Ingenieurswissenschaften durchbrochen und das völlig zu Recht. Hervorragend ausgebildet arbeiten die jungen Wissenschaftlerinnen an Themen, die uns und unsere Zukunft bewegen. Die Grundlage dafür: ein ausgeprägtes MINT-Verständnis.

MINT steht dabei als Akronym für Fachrichtungen, die sich mathematischer, ingenieur-, natur- und technikwissenschaftlicher Grundlagen bedienen. Zwei von ihnen, Karolina Koring und Eglantine Kunle, arbeiten am Forschungszentrum Energie­speichertechnologien der TU Clausthal in Goslar. Wir haben sie uns näher angeschaut.

Die diplomierte Wirtschaftsingenieurin Karolina Koring hat schon immer ein Faible für MINT-­Fächer gehabt, so hat sie ihr Abitur in den Leistungskursen Mathe und Physik absolviert. Das Studium führte sie an die TU Clausthal, an der sie von 2007 bis 2013 zunächst das Studium Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Energie und Rohstoffe absolviert hat. Seit 2013 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und arbeitet an Ihrer Doktorarbeit.

Ihr Thema ist u. a. ein Beitrag zur Gestaltung der für uns notwendigen Energiewende. Um die gesteckten Klima- und Umweltschutzziele zu erreichen, ist der Ausbau der erneuerbaren Energien einfach notwendig. Dieser Wechsel von einer zentralen – einige wenige große Kraftwerke – zu einer dezentralen erneuerbaren Energieerzeugung – viele kleine Erzeugungsanlagen und Kraftwerke, etwa Solar und Wind – geht mit einer notwendigen Erweiterung der Infrastruktur des Stromnetzes einher.

Aufgrund der ungleichen Verteilung des Ausbaus der erneuerbaren Erzeugungsanlagen über die gesamte Bundesrepublik fallen in den verschiedenen Regionen jedoch unterschiedlich hohe Investitionen an, das ist nachvollziehbar.Die anfallenden Kosten werden schließlich über einen derzeitigen Verteilungsmechanismus auf die Endverbraucher vor Ort umgelegt. In den windreichen nördlichen und östlichen Regionen sind daher die resultierenden Netzentgelte im Vergleich zu den west- und süddeutschen Ballungszentren sehr hoch. Eine regionaleSpreizung der Netzentgelte ist die Folge.

Vor dem Hintergrund, dass die Energiewende ein gesamtgesellschaftlich gewolltes Projekt ist, scheint dieses Ungleichgewicht nicht mehr sachgerecht. Mit der Fragestellung, wie eine angemessene, faire und möglichst verursachungs­gerechte Verteilung der Kosten des Energienetzes auf die Netznutzer aussehen könnte, beschäftigt sich Karolina Koring und hat dabei in Projekten mit den Branchengrößen der Energiewirtschaft mitgearbeitet.

Karolina Koring: „Meine Untersuchungen konzentrieren sich im Wesentlichen auf die Analyse der heutigen Netzentgeltsystematik und die Schwachstellen, die sich durch den Wandel des Energie­versorgungssystems auf technischer Seite ergeben. Wie groß die Bedeutung des Stromnetzes ist und welche Kostensyste­matik dahinter liegt, darüber macht sich kaum jemand Gedanken.“

Eglantine Kunle, gebürtige Französin, hat 2014 ihren Abschluss als Master im Maschinenbau als französisch-deutschen Doppelabschluss mit den Schwerpunkten Energietechnik und Technische Thermodynamik in Karlsruhe erworben. Um sich weiterzuentwickeln, führte sie ihr Weg in unsere Region an die TU Clausthal, an der sie seit 2014 ebenfalls als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Promotionsstudentin tätig ist und kurz vor der Verteidigung ihrer Doktorarbeit steht. Im Rahmen ihrer Tätigkeiten konnte sie u. a. die Leitung eines Industrieprojektes mit General Electric übernehmen.

Bei ihr geht es, wie bei Karolina Koring, auch um die Energiewende auf Basis Erneuerbarer Energien. Nur liegt der Fokus auf dem Bedarf an Flexibilität des neuen Energiesystems, der durch die Volatilität der neuen Energiequellen entsteht. Dabei betrachtet sie die bisherigen Kraftwerke und schaut, wie diese die Energiewende unterstützen können.

Flexibilität können auch die Kraftwerke leisten. Technisch sind konventionelle Anlagen des bestehenden Systems, manchmal mittels Nachrüstungen, in der Lage, einen wesentlichen Beitrag zu leisten“, so Kunle. In dem liberalisierten Umfeld des Energiemarkts, in dem wir uns heute bewegen, stellt sich aber die Frage, ob Investoren diesen Schritt wagen und in Nachrüstungen der Anlagen investieren. Die zentralen Fragen ihrer Arbeit sind, ob die Kraftwerksbetreiber die Kraftwerke flexibler betreiben werden und ob die Erlöse dieses flexiblen Betriebs den erhöhten Verschleiß und die erhöhten Betriebskosten kompensieren? Auch ob der Markt dahingehend Anreize sendet, ist ein Thema. Dabei untersucht sie die Energiemärkte in Europa und quanti­fiziert die Anreize, konventionelle Kraftwerke flexibel zu betreiben oder nachzurüsten. Modellgestützte Analysen helfen ihr dabei und die Komplexität der europäischen Märkte bedarf auch entsprechend komplexer Modelle.

Zitat Kunle: „Mit der Identifizierung von best-practice in der europäischen Marktgestaltung, leistet die Untersuchung dieser Themen einen konkreten Beitrag zu der Energiewende“  

Ohne ein ausgeprägtes MINT-Verständnis wäre die Bewältigung dieser Aufgaben, zu denen beide Wissenschaftlerinnen mit ihren Arbeiten einen Lösungsbaustein hinzufügen, nicht möglich. MINT ist die Zukunft.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 9 / September 2018.