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Lifestyle

Echte Selbstliebe

Das „Innere Kind“

Von Christian Hemschemeier

(Fotografie: Adobe Stock/Lisa Schaetzle, Piotr Pawinski)

Wenn wir an Liebe denken, bringen wir das fast immer mit romantische Beziehungen oder auch der Liebe zu Kindern in Verbindung. Selbstliebe erscheint dabei im Vergleich irgendwie schal und lau zu sein. Oder eine Art „akademisches“ Konstrukt. Obwohl wir irgendwie wissen oder gelesen haben, dass sie wichtig ist. Aber etwa so wichtig wie grüne bittere Smoothies trinken.

Ehrlich gesagt habe ich das im Stillen früher auch immer etwas gedacht.

Ich habe Selbstliebe oft erlebt als seine Standards setzen, auf sich achten, sich gut behandeln lassen. Aber es kam mir nicht vor wie eine „richtige“, intensive Emotion. Ich habe viel innere Kind-­Arbeit gemacht, mehr dazu weiter unten, mit langsamen, schrittweisen Resultaten (Das „Innere Kind“ ist psychische Instanz, wo viele Traumata aus der Biografie gespeichert sind).

Bis ich plötzlich einmal vor längerer Zeit nach einem Streit, den ich erlebt hatte, und der inneren Aufarbeitung davon, tatsächlich ein massives – ja – inneres Liebesgefühl erlebt habe. Und ehrlich gesagt übertraf die Intensität davon alles, was ich erwartet hatte. Es war keineswegs ein laues Gefühl, sondern eher überwältigend. Heilend. Energievoll.

Ich hab dann mal für mich recherchiert, was da eigentlich genau passiert ist.

Bei der Arbeit mit dem inneren Kind blendet man quasi das Gegenüber aus. Ja, dein Gegenüber verhält sich vielleicht provozierend oder sogar grenzüberschreitend. Aber du schaust mal nur auf DEINEN Schmerz. Ohne diesen Schmerz könnte man sich ja einfach mal emotional abgrenzen und fertig ist. Um direkt in einer emotionalen Situation dann mit diesem inneren Kind arbeiten zu können, musst du überhaupt erstmal einen Zugang innerlich dazu finden. Dabei helfen aus meiner Erfahrung Phantasiereisen recht gut. Ohne viel Umwege sieht man dann, was das Kind im Innern eigentlich ist und in welchem Zustand es sich befindet (diese Reisen sind in meinen Kursen enthalten). Wenn diese Verbindung hergestellt ist, übt man eine ganze Zeit, das innere Kind zu trösten, in den Arm zu nehmen, spielerisch mit ihm zu sein. Was es eben gerade braucht. Der Hintergrund ist, dass im Erwachsenenleben wir uns tatsächlich Liebe SELBST geben müssen, um sie in uns anzureichern. Der/die Partner reichen da nicht. Du beelterst dieses innere Kind nach.

Wenn diese Erfahrungen nun da sind,

kannst du auch in einer stark aufgeladenen Streit­situation die Entscheidung treffen, eben nicht zurückzuschlagen oder dich überhaupt zu rechtfertigen, sondern direkt mit dem inneren Kind und dem damit verbundenen Schmerzkörper Kontakt aufzunehmen. Tatsächlich arbeitest du in diesem Moment direkt an der Ausgangswunde. Am Ursprung vieler Themen, die du vielleicht hast. Und: Das ist richtig schwer! Weil der Schmerzkörper ja lieber direkt zurückschlagen möchte. Wenn du dann exakt den richtigen Punkt triffst (was vielleicht auch etwas Glück ist), tritt tatsächlich in diesem Moment eine spürbare Heilung ein. Die wahrgenommene Verschmelzung deines jetzigen Ichs mit einer früheren Version von dir selber (dem inneren Kind) führt dann zu einem Gefühl wahrer Liebe. Und diese Emotion hast du dann praktisch DIREKT in dir hervorgerufen, ohne den Partner zu brauchen dafür. Das ist ein sehr starkes Gefühl von Autonomie gegenüber Anderen und deiner eigenen Selbstwirksamkeit.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 14 / Dezember 2019.

Christian Hemschemeier

(Jahrgang 1967) ist seit 2000 selbständig als Psychotherapeut, Paartherapeut und Coach. 2004 gründete er alstertal-­coaching für die Beratung in Unternehmen, 2009 das Institut für Integrative Paar­therapie zur Ausbildung von Paar­therapeuten. Seit letztem Jahr ist er zunehmend tätig als YouTuber eines Kanals zu Dating, Beziehung & Liebe und entwickelt Online-Kurse und Seminare in diesem Bereich. www.liebeschip.de