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Kultur

Ein Interview mit Silbermond

Zurück ins Rampenlicht

Von Jens Richwien

(Fotografie: Jens Koch)

Sie sind einer der erfolgreichsten deutschen Acts seit Ihrer Gründung 1998. Authentisch, nahe an den Fans und scheinbar Freunde fürs Leben. Die vier Bautzener leben Ihren Musiker-Traum und füllen damit die größten Hallen. Seit letztem Jahr gibt es ein fünftes Bandmitglied. Wie sich das anfühlt und was wir musikalisch vom neuen Album und dem Auftritt am 31. Januar in Braunschweig zu erwarten haben, fragte STADTGLANZ-­Redakteur Jens Richwien die sympathischen Silbermonde.

WARUM GAB ES ZUM NEUEN ALBUM „SCHRITTE“ EURE BISLANG LÄNGSTE PAUSE?

Stefanie: Wenn man mal kurz zurückschaut, kam „Leichtes Gepäck“ Ende 2015 raus, und dann waren wir mit diesem Album wirklich lang unterwegs. Das letzte Konzert damit haben wir 2017 gespielt. Jetzt kommt „Schritte“. Also eigentlich waren es zwei Jahre Pause, in denen ich noch ein Kind bekommen habe. Diese Zeit haben wir uns genommen für das Kind, aber auch für die neuen Songs. Es ist jetzt inzwischen unser sechstes Studioalbum und es ist wirklich verrückt … wir haben ja sehr zeitig angefangen in unserer Bandkarriere und da wächst natürlich auch der Anspruch. Du willst ja irgendwann nicht mehr dieselben Themen besingen. Du hast auch musikalisch den Anspruch, diesen einen Schritt weiter zu gehen. Nach „Leichtes Gepäck“ wussten wir, dass wir wieder ein kleines Stück näher zu unserem Kern gekommen sind. Wir sind musikalisch wieder ein Stück näher gekommen zu uns als Band. Für uns ist das eine gute Grundlage beim Bandsound und somit bei uns zu bleiben. Dann ging es darum, zu überlegen, was ist jetzt eigentlich das gewisse Add-on für 2019? Was ist jetzt der nächste Schritt, den wir für uns noch gehen können? Das alles zusammen hat dann jetzt so lange gedauert, wie es eben gedauert hat.

IN EURER SINGLE „TRÄUM JA NUR (HIPPIES)“ WERDEN U. A. DER KLIMAWANDEL, TRUMP, ERDOGAN, DER BREXIT UND DIE AKTUELLEN WAHLERGEBNISSE ALS ENTWICKLUNGEN GENANNT, DIE SILBERMOND NICHT „KALT LASSEN“. UM WELCHE PROBLEME MACHT IHR EUCH AKTUELL DIE GRÖSSTEN SORGEN UND WIE KANN MAN DIESE ANGEHEN?

Thomas: Wenn man aktuell in dieser Welt lebt, spürt man ohne Zweifel, dass es eine extrem aufgeladene Zeit ist momentan. Viele Herausforderungen stehen an und viele große Fragen sind zu beantworten. Ich glaube eine der größten Herausforderungen dabei ist, dass wir alle darauf achten, dass wir das Fundament und diesen Nenner mit gewissen Grundwerten, auf die wir uns auf der Welt vielleicht einigen können, nicht ausfransen lassen. Weder links noch rechts und auch nicht im religiösen Sinne. Ich glaube, darauf sollten wir alle achten. Ich habe schon das Gefühl, dass man das schaffen kann. Der Mensch sollte eigentlich clever genug sein, diese Herausforderung zu meistern.

IHR HABT IM FRÜHJAHR DIE SINGLE „MEIN OSTEN“ AUS DEM NICHTS VERÖFFENTLICHT. WARUM IST DER SONG NICHT AUF DEM ALBUM?

Thomas: Es ist nicht so leicht, einen Song zu machen über Herkunft und Heimat bei der Ambivalenz, die da gerade mitschwingt. Wir hatten trotzdem das Gefühl, dass wir das machen müssen und auch unbedingt wollen. Wir haben uns mit dem Song schwergetan. Ich denke, man tut sich mit dem Thema auch einfach etwas schwer. Man kann ja nicht sagen, so und so ist das jetzt. Da steckt einfach so viel grau zwischen schwarz und weiß. Daher haben wir wirklich lange daran gefeilt und wollten den Song sofort rausbringen, sobald wir das Gefühl hatten, dass er rund ist. Für ein paar Leute sind wir mit dem Song „Mein Osten“ irgendwie „links versiffte Staatsdiener“ gewesen. Das konnte man so lesen in Kommentaren. Mit demselben Song sind wir gleichzeitig wiederum für Andere „heimattümelnde Verharmloser“ gewesen. Also da sind so viele Gefühle in mir, wenn ich an meine Herkunft und an meine Identität denke. Das in drei Minuten zu packen, ist heftig. Aber ich habe das Gefühl, wir haben das gut gemacht. Wir sind sehr stolz auf den Song. Wir wollten den Song nicht aufs Album packen, weil der Song keine Single ist. Der soll nicht im Radio hoch und runter laufen. Der muss nicht erfolgreich sein. Der Song macht das, was er machen soll. Er sagt, wie wir zu unserer Herkunft stehen und wo wir gerade die Situation verordnen. Und der Song soll genau da bleiben und für sich alleine stehen. Nicht einsam, aber outstanding. Deshalb ist „Mein Osten“ nicht mit auf dem Album drauf.

WELCHEN EINFLUSS HAT DIE TATSACHE, ELTERN ZU SEIN, AUF EUCH ALS BAND?

Johannes: Also, wir sind ja jetzt immer zu fünft unterwegs. Wir haben einen Keyboarder mit dabei (lacht). Ne, also durch das Kind hat sich jetzt gar nicht so viel geändert, wie man im Vorfeld vielleicht dachte, wenn da so ein kleiner Steppke mit rumtanzt. Ich empfinde es als große Bereicherung. Neben all dem Stress, den man vielleicht kennt, wenn man ein Kind bei sich hat, war das auch so eine Art Raketenzünder. Man hat noch mehr Energie und noch mehr Bock jetzt Vollgas zu geben und auf Tour zu gehen. Andreas Ich empfinde es als ein sehr emotionales Ereignis. Ereignis klingt jetzt ein bisschen doof. (lacht) Aber es hat die Band irgendwie noch mehr zusammengebracht, deswegen finde ich das sehr, sehr schön und das ist ein weiterer wundervoller Schritt.

AUF WELCHEN SONG VOM NEUEN ALBUM SCHRITTE SEID IHR AM MEISTEN STOLZ?

Stefanie: Ich war ja von Anfang an ein totaler Fan von „Ein schöner Schluss“, weil das die Original-Spur ist, die ich einmal eingesungen habe und dann nie wieder. Das ist schon was Schönes bei diesem Lied, weil es ja auch darum geht, dass wir viel zu oft vergessen, den Moment so zu feiern, wie er ist. Wir machen uns ständig Gedanken darüber, was war oder was kommt und legen nur sehr selten den Fokus auf das Jetzt. Und das ist irgendwie cool so. Es ist dieser eine Take, dieser eine Track, den ich da eingesungen habe und ich habe es tatsächlich nie wieder so hinbekommen. Das ist doch auch ein Zeichen dafür, dass du einzelne Momente einfach nicht mehr zurückspulen kannst. Diese Momente kann man nicht nochmal genauso malen oder kopieren. Das finde ich grandios. Der Song lebt so sehr auf dieser Platte, obwohl er eigentlich so wenig hat. Er braucht nicht viel. Eine Akustik-Gitarre und diesen ganz kleinen Vibe des Moments. Deswegen bin ich ein Fan von „Ein schöner Schluss“. Andreas Ich sehe das genauso. Man kann gar nicht mit Sicherheit sagen, ob es nicht vielleicht das letzte Album von uns gewesen ist. Ich finde zurückblickend kann man sehr stolz sein auf das, was man so getan und geschaffen hat aus unserem kleinen Nestlein Bautzen heraus. Genau das impliziert der Song „Ein schöner Schluss“ für mich. Für uns ist es keine Selbstverständlichkeit, auch weiter zu gehen als Band, sondern es ist ein totales Privileg, dass man überall die Zeit noch zusammen ist und noch immer zusammen in der Art Musik machen kann. Darauf kann man stolz sein. Aber man kann auch sagen: Hey, wenn jetzt Schluss wäre, dann wäre auch alles gut. Dieses Gefühl trägt der Song in sich und das finde ich sehr gut.

SPIELT DENN DAS VERÄNDERTE MUSIKKONSUMVERHALTEN IN DEN VERGANGENEN JAHREN FÜR EUCH EINE ROLLE BEI DER HERANGEHENSWEISE AN EIN NEUES ALBUM?

Stefanie: Also die Art und Weise wie heute Musik gehört wird … ich glaube, man tut gut daran, das aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Es bringt nichts zu sagen, dass das mit dem Streaming alles großer Mist ist. Man bezahlt irgendwie zehn Euro für eine Flat im Monat und dafür kann man alles hören. Wo ist da die Wertigkeit der Musik? So kann man das sehen. Auf der anderen Seite können die Leute überall und immer Musik hören. Sie müssen nicht einen Haufen CDs mitschleppen und brauchen keinen Discman mehr. Es ist doch dann auch einfach schön, dass die Leute selber wählen können, wie sie Musik konsumieren. Ob sie das jetzt zuhause auf Schallplatte hören und sich die Zeit nehmen oder ob sie Songs mal schnell streamen oder sich MP3s kaufen. Das ist einfach der Zeitgeist und das hat Musik und Kunst allgemein im gewissen Maße schon immer erlebt. Die Technik entwickelt sich nun mal weiter und man tut gut daran, sich für einen selbst das Beste aus all diesen Möglichkeiten herauszupicken. Aber natürlich war das hier und da auch für uns als Band ein Thema. Nicht nur die Art und Weise wie konsumiert wird, sondern auch die Art wie Musik und Songs geschrieben werden. Auch das hat sich verändert. Schnellere Phrasierungen oder neue Song-Strukturen. Und klar gab es da auch mal diesen Moment, wo wir uns die Frage gestellt haben, inwiefern wir diesem Zeitgeist folgen müssen. Was uns da wirklich geholfen hat, bei uns zu bleiben, ist die letzte Phase mit der Platte „Leichtes Gepäck“. Wir sind mehr denn je wieder zu uns zurückgekommen und haben gemerkt, dass das auch ein unglaublich wertvolles Ding ist, eine Band zu sein. Das hat auch bei „Schritte“ geholfen von diesem Pfad nicht abzuweichen. Egal, wieviele Einflüsse da von außen auf uns einströmen. Wir haben uns hier und da das rausgepickt, was uns Spaß gemacht hat. Aber das ist halt dann auch das, was einfach unser Ding ist. Was wir wollen ist, dass da auch ein echtes Schlagzeug zu hören ist und dass der Raum zu hören ist und die Musik förmlich atmen kann. Die Songs kriegen für uns persönlich dadurch eine gewisse Tiefe. Das ist unser Ding und wir haben das Gefühl, dass das eben irgendwo genauso in die Zeit passt wie auch alle anderen neuen Sachen.

Andreas: Ja, ich finde auch die Zeiten von Streaming super. Ich kenn noch die Zeit als man in die Bibliothek gegangen ist, um ein Album auszuleihen. Meistens hat man überzogen und musste Strafe zahlen. Dann ist man im Regen mit dem Fahrrad noch schnell zur Bibliothek gefahren. Das bleibt den Jugendlichen heutzutage erspart. Die können zuhause gemütlich auf der Couch sitzen, essen Pommes und sagen dann einfach: „Ich möchte jetzt Johann Sebastian Bach hören.“ Das ist doch großartig! (lacht)

WELCHE ZUKUNFTSPLÄNE HABEN SILBERMOND?

Stefanie: Hoffentlich noch viel mehr, wir haben noch so viel vor, noch so viel ungeschriebene Lieder im Ohr. Ich zitiere unseren eigenen Song. Ist krass, oder? Ist das nicht eine supertolle Idee, um diese Frage einzuleiten? (lacht) Ne, ich glaube wir haben noch echt viel vor. Es geht natürlich wieder auf die Bühne. Es macht gerade total Bock, die neue Platte im Proberaum zu spielen, weil sie sich total organisch ergibt. Die Songs sind ja mit uns allen zusammen auch damals im Proberaum entstanden. Da ist irgendwie so ein Gefühl, dass man uns schon morgen damit auf die Bühne stellen könnte und es würde schon voll gut funktionieren. Das ist wirklich was sehr Besonderes und Magisches an dieser Platte. Es fühlte sich von Sekunde Eins so stimmig und natürlich an. Wir haben jetzt schon vor Augen, wie die Tour sein wird und wie sich die neuen Songs mit den anderen Songs der älteren Platten vertragen. Das wird ein superdynamisches Set. Ey, und wenn Ihr Bock habt, Euch das live anzugucken … im Jahr 2020 wird es einige Gelegenheiten dazu geben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 14 / Dezember 2019.