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Kultur

1. September 2017

Ein Interview mit Vanessa Ohlraun

Die Präsidentin der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig

Von Susi Marggraf

(Fotografie: Andreas Rudolph)

Frau Ohlraun, sie waren 5 Jahre Dekanin der an der Kunstakademie in Oslo. Es ist eine sehr entwicklungsträchtige Kunstakademie in Europa. Sie verantworteten u. a. den Beitrag des Zentralasiatischen Pavillons auf der 55. Biennale in Venedig. Es klingt nach bewegten und bewegenden Zeiten. Was war für sie der größte Gewinn dieser für sie „interessanten Jahre“? Was nehmen sie mit auf ihre „Route“? Was werden sie vermissen von dem skandinavischen Lifestyle?

Die skandinavischen Gesellschaften sind geprägt von einem stark egalitären Selbstverständnis. Das führt dazu, dass Hierarchien flacher sind als bei uns in Deutschland, und macht es möglich, dass verschiedene Akteure auf Augenhöhe miteinander reden und arbeiten. Der Zentralasiatische Pavillon ging damals aus einer Zusammenarbeit hervor, in der zwei Studenten die kuratorische Leitung inne hatten und wir gemeinsam mit einer Professorin das Projekt mitsamt Ausstellung, Publikation und Konferenz organisierten. Ich fand diese Arbeitsform sehr produktiv.

Arbeitsraum

Die Braunschweiger Kunsthochschule hat ihre Standorte in den letzten Jahren erweitert: Im ARTmax in der Frankfurter Straße befinden sich künstlerische und gestalterische Klassen, wie das Institut für Transportation Design und das Institut für Medienforschung. Bei der Parkplatzsuche erfreut der offene Blick in die Werkstätte, und macht neugierig auf Mehr. Richtung Norden wurde mit dem raumLABOR Fläche für Studierende aller Bereiche geschaffen. Planen sie weiteres in der Stadt, vielleicht „Im Osten was Neues“? Welche Möglichkeiten sehen sie, durch gestreute und nach außen transportierte Wirkungsstätten der Studierenden die „Erreichbarkeit“ der Kunst bei dem Einzelnen zu beeinflussen?

Die räumliche Situation der HBK Braunschweig ist tatsächlich in Bewegung. Allerdings geht der Trend in die entgegengesetzte Richtung. Wir wollen unsere Aktivitäten am Johannes- Selenka-Platz konzentrieren und eine Campus-Hochschule werden, die ihren räumlichen Mittelpunkt an diesem Ort hat. Wie in unserem Hochschulentwicklungsplan steht, soll dies der breiteren Kommunikation dienen und Studierenden die Möglichkeit geben, alle studienbezogenen Ressourcen an einem Ort vorzufinden. Außerdem wird dies die Außenwahrnehmung der HBK Braunschweig im innerstädtischen Kontext erhöhen. Das Land Niedersachsen hat uns 25 Millionen Euro für einen Ersatzneubau für die Freie Kunst bewilligt, der eine große Chance darstellt, sowohl für uns als auch für die Stadt Braunschweig. Es ist gerade für mich als neue Braunschweigerin ungeheuer spannend zu sehen, was hier in unserem unmittelbaren Umfeld an Veränderung stattfindet, z. B. mit der Entwicklung des Westbahnhofs in ein soziokulturelles Zentrum. Wir möchten mit dem HBK-Bau einen Beitrag zur städtebaulichen und auch zur sozialen und kulturellen Entwicklung des westlichen Ringgebiets leisten. Wir verstehen unsere Hochschule als verbindendes Element in der Region, in der Stadt und in unserer unmittelbaren Nachbarschaft und möchten uns perspektivisch weiter öffnen. Der Neubau hier am Standort Johannes- Selenka-Platz und die Fokussierung auf einen offenen, einladen-den Campus bietet uns hierfür eine einmalige Gelegenheit.

Historie

Der eigentliche Vorläufer der HBK war die 1952 gegründete städtische Werkkunstschule Braunschweig, aus der 1963 die Staatliche Hochschule für Bildende Künste hervorging und im Jahr 1978 die Hochschule für Bildende Künste. Heute ist die HBK eine der größten Kunsthochschulen Deutschlands. In einem Interview mit XXX sagten sie, dass sie „sich freuen mit ihren neuen Kolleginnen die Traditionen als ehemalige Kunst- und Handwerkerschule zu entwickeln und diese an die Herausforderungen der heutigen digitalen Gesellschaft zu binden“. Wie wird das aussehen?

Die zunehmende Digitalisierung unserer Gesellschaft stellt neue Anforderungen an uns, denen wir nicht nur mit theoretischen Kompetenzen, sondern auch mit handwerklichen und technischen Kompetenzen begegnen müssen. Und zwar sowohl solche, die laufend neu entwickelt werden, als auch solche, die über Jahrhunderte weiter tradiert werden. Die Werkstätten der HBK Braunschweig tragen diesen Anforderungen Rechnung. Durch den Unterricht in den mechanischen Werkstätten, wo mit Holz und Metall gearbeitet wird, den druckgrafischen Werkstätten, in der Papier- und Typografiewerkstatt, der Keramikwerkstatt, in den verschiedenen analogen und digitalen Medienwerkstätten, und nicht zuletzt in den Werkstätten des Darstellenden Spiels, wird den Studierenden die Bedeutung von Materialität, von Visualität, von Haptik und körperlicher Präsenz näher gebracht. Gleichzeitig beschäftigen sich die Studierenden in verschiedenen Studiengängen mit den aktuellen Entwicklungen unserer zunehmend digitalisierten Gesellschaft, z. B. im Masterstudiengang Transformationsdesign.

International

Frau Ohlraun, sie bringen Internationalität mit nach Braunschweig. Wie profitieren sie von dieser Ressource? Wie möchten sie diese großflächige Vernetzung in das Hochschulkonzept einbringen? Wie wird ihre Internationalität die HBK in der kommenden Zeit prägen?

Ich denke, es ist wichtig, dass wir uns diesbezüglich an den aktuellen gesellschaftlichen Realitäten orientieren. Als Künstlerin oder Künstler, Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler ist man heute immer mehr in globalen Kontexten aktiv. Unsere Lehrenden haben alle umfangreiche Netzwerke in ihren jeweiligen Disziplinen. Meine internationalen Verbindungen bedeuten lediglich eine Ergän- zung, mit der ich zu der weiteren Vernetzung der Hochschule beitragen kann. Auch unsere Studierenden, Doktorandinnen und Doktoranden, und insbesondere unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten der in- ternationalen Künstlerförderung des Landes Niedersachsens, die größtenteils aus dem Ausland kommen, bringen breite Netzwerke mit. Die Erfahrungen, die an der HBK Braunschweig durch Austauschprojekte oder internationale Partnerschaften gesammelt werden, bedeuten eine große Bereicherung und bereiten uns auf die zukünftige Arbeitswelt vor, die zunehmend von Diversität geprägt sein wird – ob in der Kunstszene, der Universität, in der Wirtschaft oder in gesellschaftlichen Bereichen.

Impuls

Was war für Sie beruflich richtungweisend? Was empfinden Sie als impulsgebend?

Es gab mehrere Momente während meines Studiums, die im- pulsgebend für meine berufliche Ausrichtung waren. Dazu gehören insbesondere meine Teilnahme am Milleniumgipfel der Vereinten Nationen in New York und die Mitarbeit an einem Ausstellungsprojekt mit türkischen Künstlerinnen und Künstlern am Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Hier konnte ich zum ersten Mal Aspekte meines Studiums der Ethnologie und der Kunstgeschichte miteinander verbinden, eine Fächerkombination, die mich bis heute prägt.

Wurzeln

Sie sind in Frankreich geboren, mögen sie uns etwas über ihre Wurzel verraten? Haben sie einen künstlerischen Background?

Bereits mit sechs Monaten habe ich Paris für Monrovia, Liberia, verlassen, weil es meine Eltern beruflich dorthin zog. Somit war meine Zeit in Frankreich sehr kurz! Französisch war aber gemeinsam mit Deutsch immer meine Muttersprache, und Englisch die Sprache, die ich auf der Schule mit meinen Freunden sprach. Einen künstlerischen Hintergrund habe ich nicht, aber ich hatte das Glück, in einem kulturaffinen Elternhaus aufgewachsen zu sein. Schon sehr jung wurde ich auf die Art Cologne oder zum Tanztheater Wuppertal mitgenommen. Die rheinländische Kulturszene der achtziger Jahre hat mich also früh geprägt.

Charakteristika

Neugierde und Offenheit sind für sie Attribute die es sich lohnt zu bewahren, sagten sie bei der Festrede zur Verleihung des Eckensberger-Preises. Welche Charakteristika sollten in der künstlerischen Arbeit ihren Platz finden?

Ich meine, dass die künstlerische Arbeit ein Ort ist, an dem wir Ungewöhnliches und Unerwartetes erleben können und dies zur Erweiterung unseres Denkens, aber auch zur Bereicherung unserer Wahrnehmung beiträgt. Die Kulturwissenschaftlerin Lauren Berlant schreibt, dass die Auseinandersetzung mit andersartigem Denken uns erlaubt, Konzepte zu entwickeln, die wir alleine nicht hätten generieren können. Diese Offenheit für das Andersartige ist die Voraussetzung für ein kritisches Denken, aber auch, für eine Kultur der Wertschätzung anderer, uns unbekannter ästhetischer Formen. Die Vielfalt der Perspektiven macht uns stärker, sowohl im Denken als auch im künstlerischen Schaffen.

Marina Abramovic

Die renommierte Künstlerin Marina Abramovic war von 1997 bis 2004 Professorin für Performance an der HBK. Wie zeitgemäß ist ihr Zitat „Art can only be done in destructive societies that have to be rebuilt.“ Welche Bedeutung hat es heute?

Marina Abramovic hat auch Folgendes gesagt: „The function of the artist in a disturbed society is to give awareness of the universe, to ask the right questions, and to elevate the mind”. Obwohl ich nicht mit allem einverstanden bin, meine ich, dass die Fragen, die wir stellen, enorm wichtig sind, und dass es sehr schwierig ist, Fragen zu stellen, die uns nicht die bereits bekann- ten Antworten geben. Wie Christoph Schlingensief, der nach Marina Abramovic Professor für Performance an der HBK war, sagte: „Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgend etwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können.“

Potential

Die Förderung und Entwicklung wird bei ihnen groß geschrieben. Was denken sie Frau Ohlraun, welche Bedingungen können sie als Hochschule weiterhin modifizieren um die Entwicklung, die Möglichkeiten der StudentInnen zu unterstützen. Generell be- trachtet, was denken sie, wie werden Menschen leistungsstärker?

Studierende der HBK Braunschweig können sich auf eine große Anzahl von Stipendien und Preise bewerben. Auch bietet die Hochschule den Studierenden durch ihre nationalen und internationalen Partnerschaften unheimlich viele Möglichkeiten, ihre Arbeiten in einem professionellen Kontext zu präsentieren. Diese Erfahrungen in der Praxis machen unsere Studierenden wettbewerbsfähig und bringen ihnen die Fähigkeiten bei, die sie für ihre spätere Berufspraxis brauchen. Für junge Künstlerinnen, die eine Laufbahn als Professorin in einer künstlerisch- wissenschaftlichen Hochschule anstreben, gibt es das Förderprogramm des Landes Niedersachsen, das Dorothea-Erxleben Stipendium an der HBK Braunschweig. Mit diesem Stipendium werden Künstlerinnen zwei Jahre lang gefördert und erhalten wertvolle Erfahrungen in der Lehre sowie in der Entwicklung ihrer künstlerischen Arbeit.

Forschungsförderung

Das Ziel der Kunsthochschule ist es, die Forschungsaktivität der Professorenschaft und des gesamten wissenschaftlichen Personals zu fördern. Mögen sie uns inhaltliche Einblicke geben? Wie dynamisch werden die nächsten Jahre an der HBK?

Die Nachwuchsförderung sowie die Förderung der Forschungs- aktivität von Professorinnen und Professoren sind uns in der Tat wichtig. Die HBK Braunschweig vergibt über ihren Forschungspool Fördermittel für Personal, Sach- und Reisekosten zur Unterstützung von Forschungsprojekten mit denen Ausstellungen, Tagungen und Veröffentlichungen realisiert werden können. Auch bemühen wiruns, die strukturierte Betreuung in der Nachwuchsförderung auszuweiten, wie in unserem Hochschulentwicklungsplan beschrieben ist. Derzeit haben wir sehr viele interessante Forschungsprojekte an der HBK Braunschweig, zum Beispiel in der Weltraummüll-Forschung, der Materialforschung, der Forschung von Akustikund Architektur, der Bedeutung von körperlichen Gesten in ubiquitären Medientechnologien, neben vielen anderen zukunftsweisenden Forschungsaktivitäten. Dazu kommen eine Vielzahl von künstlerischen Entwicklungsvorhaben von unseren Lehrenden und insbesondere unserer BS Projects-Stipendiatinnen und Stipendiaten. Im Oktober werden wir eine Ausstellung ihrer Arbeiten in der neu renovierten Montagehalle der HBK Braunschweig präsentieren.

Documenta 2017-Motto „Von Athen
lernen“

„Kulturelle Produktion sollte das Eigentum von jedermann sein“, erklärte Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der Documenta, bei der Präsentation der Schau. Was bedeuten ihnen im Hinblick auf die Globalisierung die zwei Standorte der Documenta?

Es gibt in der Kunstwelt viele Zentren, auch wenn nicht alle von unserer Perspektive aus hier im westlichen Europa gleichermaßen wahrnehmbar sind. Die HBK Braunschweig hat sich in ihrem Hochschulentwicklungsplan dem Denken von den Rändern her verschrieben und setzt sich für eine größere Wertschätzung der Peripherie ein. Dabei finde ich es wichtig, eine Sensibilität dafür zu entwickeln, wie man sich der sogenannten Peripherie nähert, damit nicht alte eurozentristische oder kolonialistische Muster wiederholt werden.

Leb-bar/Futur-bar

Gibt es noch Luft nach oben die Vernetzung der in Braunschweig lebenden Künstler zu stärken? Wo sehen sie Möglichkeiten als Kunsthochschule im Vorfeld Perspektiven zu erarbeiten?

Wir arbeiten eng mit vielen Protagonisten der Braunschweiger Kulturszene zusammen und bieten denjenigen in der Stadt, die sich für Kunst, Gestaltung und Wissenschaft interessieren oder in diesem Feld arbeiten, zahlreiche Gelegenheiten, sich mit uns auszutauschen.

Frau Ohlraun, vielen Dank für das Gespräch.