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Lifestyle

23. März 2021

Eine andere Art des Bewusstseins

Nachhaltigkeit fordert den Raum für Erfahrungen aus Gegenwärtigkeit!

Von Frank Schmetzer

(Fotografie: Free-Photos)

Unabhängig davon, für welchen Standpunkt wir uns in unserem Denken in der aktuellen Lebenssituation festgelegt haben, wurde in die letzten Monate doch einiges bewusster. Jeder auf seine Art ist Betroffener und für mich ist eine der großen Fragen: Was kann ich für mich und mein Bewusstsein als eigenen Lernschritt mitnehmen? – Gerade in einer Zeit, wo mehr, schneller, weiter und höher unseren Geist bestimmen wirkt das häufig genutzte Wort von Nachhaltigkeit wie ein Plastikwort. Eines meiner persönlichen Thesen dazu ist, dass wir für Erfahrungen und Erlebnisse keine Zeit haben. Schnelle Ergebnisse stehen im Vordergrund, während nachhaltige Entwicklungen auf der Strecke bleiben.

Als hätte Mitte März uns jemand den Stecker der Gewohnheit gezogen oder mal jemand mit der Hand gegen unsere bisherigen Überzeugungen getippt. Fast gespenstisch wirkten die leeren Straßen und vielleicht ging es einigen wie mir: Ich neigte ab und zu dazu mich auf dem Weg zur Arbeit zu kneifen, ob das, was ich gerade erlebte Wirklichkeit ist. Ich erinnere mich an einen friedlichen Sonnentag in meinem Auto auf dem Weg zur Arbeit. Eine Ruhe, die ich mir 2 Wochen zuvor kaum träumen konnte, wirkte nun nahezu furchterregend. Reihenweise purzelten Termine aus meinem Kalender und ich musste feststellen, dass ich eine Menge von Terminen gar nicht vermisste.

Selbst zu Hause war der Durchgangsverkehr in unserer Familie geringer und auf einmal hatte wir zunehmend Zeit miteinander zu reden. Mit einem Moment dachte ich nicht mehr an den vor mir liegenden Urlaub und all die Dinge, die zuvor noch erledigt sein müssen.  Mit einem Mal wurde mir das, was ich habe wertvoller und bewusster. Herzlich Willkommen in der Gegenwart, dachte ich! – Haus, Garten, die Familie und so manche Spaziergänge in der Natur waren auf einmal präsenter und ich sah Dinge, die mir vorher gar nicht mehr aufgefallen sind. In der Theorie war mir das vorher bewusst, doch das Erlebnis und die Erfahrung öffneten mir ein stärkeres Bewusstsein für die Gegenwärtigkeit.

Vielen Menschen ging es vermutlich ähnlich wie mir. Eigentlich hatte ich keine ruhige Zeit. Vieles musste gemanagt und geklärt werden und natürlich kamen auch immer wieder viele Fragen auf, deren Antwort ich nicht kannte. Dialoge wurden persönlicher. Aus dem gewohnten: „Alles gut bei Dir?“ entwuchs sogar Interesse am Anderen und wir nahmen uns Zeit zu fragen und auch mal zu zuhören ohne schon beim nächsten Schritt zu sein. Produktionen standen still und auch wir selbst frugen nicht mehr danach, ob wir das Jahresziel wohl nochmal deutlich übertreffen könnten. Wir fokussierten uns auf den Moment und taten das was uns zu tun möglich war. An dieser Stelle möchte ich mit Respekt betonen, dass es sicher in allem Schicksale gibt, die meine oder unsere bei Weitem übertreffen. Doch war ich selbst überrascht, dass der Fokus auf das Gegenwärtige auch eine Menge Ideen und Möglichkeiten eröffnete, über die ich einige Monate zuvor gar nicht nachgedacht hätte.

Obwohl ich in der Zeit viel arbeitete, hatte ich an den Wochenenden Zeit. Sonntagsabend machte ich mit einem Freund Spaziergänge. Wir wohnen in einem Ort und doch sind wir beide oft beschäftigt, dass wir uns nie die Zeit nahmen, uns intensiv persönlich auszutauschen. Manchmal saß ich einfach auf meiner Terrasse las und dacht einfach mal ein wenig nach. Und das ohne schlechtes Gewissen und den Gedanken an Verpflichtungen.

In Dialogen interessierte mich sehr, was mein Gegenüber wahrnahm und wie sich der veränderte Fokus auswirkte. Oft nahm ich Entdeckungen wahr, über die wir sonst überhaupt nicht nachgedacht hätten. Wir entdeckten unsere Natur im nahen Umfeld und stellen auf einmal fest, wie schön unser eigenes Heimatland ist. Wir nehmen erholte Naturen wahr und können sogar wieder manchem Gewässer auf den Grund schauen. Wir werden bewusster mancher so schnell entschiedenen Geschäftsreise und erlauben uns sogar den Sinn in Frage zu stellen. So manches soziale Projekt entwuchs innerer Überzeugung für Andere da zu sein. Auf irgendeine Weise können Grenzen manchmal auch die Entdeckungsreise für Neues sein.

Die spannendere Frage für mich ist, wie nachhaltig sind die Erkenntnisse und Entdeckungen heute, wo wir uns wieder daran versuchen, in eine Art Normalität zu bewegen? Können wir ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit mitnehmen oder verblasst das Erlebte im Vorwärtsgang unserer vermeintlichen Anforderung von Morgen?

Für die Nachhaltigkeit braucht es manchmal Grenzen, unabhängig ob wir sie mögen oder nicht. Grenzen, die unsere Wahrnehmung verändern und uns der Gegenwärtigkeit bewusst machen lassen. Eine Gegenwärtigkeit, die Erfahrungen und Erlebnisse zulässt, ohne dass wir schon gedanklich bei den Ergebnissen unserer oft exponentiellen Wachstumszielen sind. Schnelle Antworten ersetzen das Erfahren und Erleben nicht. Jemand sagt mal zu mir: Frank, Erfahrungen kannst Du nicht abkürzen! – Vielleicht ist es genau das, was uns die aktuelle Zeit bewusst macht. Vielleicht braucht die Nachhaltigkeit genau diesen Raum für ein besseres und nachhaltigeres Gelingen!

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 16 / Oktober 2020.