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Wirtschaft

Im Gespräch mit Dr. Florian Löbermann

Den Bogen zwischen Tradition und Modernität spannen

Von Falk-Martin Drescher

„Die Auseinandersetzung mit der Zukunft hat meine Gedanken und letztendlich meine Entscheidung geprägt.“ (Fotografie: IHK, Unsplash/jupp)

Seit neun Monaten ist Dr. Florian Löbermann Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Braunschweig. Seine Mission: das Haus in der Brabandtstraße 11 für die Zukunft aufzustellen bzw. zu optimieren. »Das ist insbesondere mit Blick auf das Bewährte keine triviale Aufgabe,  aber wir kommen gut voran. Wenn man den gesamten Prozess betrachtet, haben wir allerdings noch einen langen Weg vor uns«, sagt der 44-jährige. Mit Stadtglanz hat der promovierte Geistes- und Erziehungswissenschaftler über die Transformation der IHK gesprochen – und über seine ganz persönliche Entwicklung.

Herr Dr. Löbermann, das Oberthema dieser Ausgabe lautet Selbstoptimierung. Was verbinden Sie ganz spontan mit diesem Begriff?

Selbstoptimierung ist für mich eine Lebenseinstellung und Grundhaltung. Entwicklung an sich zählt seit jeher zu meinen persönlichen, zentralen Themen. Stillstehen liegt mir nicht, ein Blick in meinen Lebenslauf lässt das auch erkennen. Begonnen mit einem ersten Staatsexamen im Lehramt bin ich über weitere Studiengänge und verschiedene Stationen nun Hauptgeschäftsführer der IHK Braunschweig.

Warum haben Sie überhaupt einen anderen Weg als den ursprünglichen eingeschlagen?

Manche Entscheidungen sind, richtig für den Moment, aber nicht unbedingt für einen langen Zeitraum. Ich finde den Lehrerberuf nach wie vor interessant und sehr wichtig. Er legt die Grundlagen für die Zukunft, für die weitere Entwicklung des Nachwuchses, um bei meinem Thema zu bleiben. Dementsprechend war meine damalige Entscheidung für den Moment richtig, auf lange Sicht hat es mich aber woanders hingeführt. Um zum eigentlichen Ziel zu kommen, muss man manchmal auch Abzweigungen nehmen.

Gab es diesbezüglich eine Initialzündung?

Es gab nicht diesen einen bestimmten Auslöser. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Begleitung habe ich an der deutsch-italienischen Schule in Wolfsburg gearbeitet. Ein tolles Konzept und bis heute ist mir in guter Erinnerung geblieben, wie beeindruckend deutsche Schüler nach kurzer Zeit Italienisch sprechen und schreiben konnten – und schimpfen (lacht). Trotz dieser eindrücklichen Erfahrung habe ich mir aber die Frage gestellt, was ich mache, wenn der Abstand zu den Schülern zum Beispiel altersbedingt zu groß wird und der Lehrerberuf nicht mehr im Einklang mit meinen Erwartungen und Vorstellungen steht. Sich später mit einem reinen Lehramtsstudium umzuorientieren, ist nicht einfach und bietet nur eingeschränkte Möglichkeiten. Deswegen war für mich klar, dass mein Weg weitergeht. Die Auseinandersetzung mit der Zukunft hat meine Gedanken und letztendlich meine Entscheidung geprägt.

Den vermeintlich sicheren Weg hatten Sie damit zumindest vorübergehend verlassen.

Das ist eine Frage der Auslegung. Wenn man die in dieser Zeit sichere Verbeamtung als solchen empfindet, würde die Aussage stimmen. Die Richtung haben ja auch viele meiner Kommilitonen eingeschlagen. Mit Blick auf zukünftige berufliche Optionen im Falle eines Veränderungswunsches wäre der Weg für mich selbst aber nicht sicher gewesen. Außerdem brauche ich in meinem Leben ab und zu eine Veränderung oder neuen Input. Ich habe Lehramt und Erziehungswissenschaften studiert, promoviert, bin für zwei psychometrische Verfahren zertifiziert und habe meinen MBA gemacht. Immer spielte Entwicklung dabei eine Rolle und auch bei meinem vorherigen Arbeitgeber – der Salzgitter AG – war ich ständig damit befasst, einzelne Mitarbeiter zu fördern, Teams zu entwickeln, selbst dazuzu­–lernen und die Organisation immer wieder bestmöglich an neue und zukünftige Anforderungen anzupassen. Das fordert mich fast automatische heraus und macht mir Spaß. Das habe ich ja hier in der IHK jetzt auch.

Bei der Salzgitter AG war die Veränderung Ihr tägliches Brot, kann man das so eins zu eins auf die IHK übertragen?

Es gibt Rahmenbedingungen, die universell zutreffend sind. Bei Optimierungs- und Veränderungsprozessen geht es immer auch um Menschen, die naturbedingt unterschied­lich mit Veränderungen und Herausforderungen umgehen. Für die einen, die aus der eigenen Haltung heraus an sich oder an bestimmten Themen arbeiten, ist die Selbstoptimierung per se ein wichtiges Thema. Andere legen den Fokus wiederum stark auf das Bewahren erreichter Zustände und wieder andere fokussieren auf bestimmte Werte. Dabei haben alle Sichtweisen ihre Berechtigung. Deshalb versuche ich auch, alle mitzunehmen und zumindest zu erklären, warum das, was wir da gerade tun, wichtig ist. Um als Organisation beständig und auch zukünftig gut performen zu können, sind kontinuierliche Anpassungen und Änderungen notwendig. Auch mit Blick auf die IHK geht es jetzt darum, unser Angebot und unsere Leistungen noch besser zu gestalten und weiter zu entwickeln, aber auch bewährte Elemente zu sichern. Das wesentliche Potenzial dafür liegt in den einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und genau das lässt mich mit Blick auf die IHK-Belegschaft zuversichtlich in die Zukunft schauen.

Gibt es ein „Optimierungsrezept“, das immer funktioniert?

Ich bin überzeugt davon, dass man mit den Menschen sprechen muss, um einen Unterschied zu bewirken und den richtigen Blick auf die Dinge zu bekommen. Einer der Schlüssel ist für mich, die Dinge gemeinsam zu gestalten und die Menschen zu beteiligen – zumindest so gut es geht. Natürlich gilt es, auch Entscheidungen zu treffen und einen Rahmen zu definieren. Dabei sind natürlich nicht alle immer gleich glücklich über getroffene Entscheidungen. Nichtsdesto-­trotz führt das Ringen um den richtigen Weg meist dazu, dass die bestmögliche Lösung erreicht wird. Deswegen freue ich mich beispielsweise auch, wenn wir in unserer IHK-Vollversammlung mal kontrovers diskutieren.

Ob man die Kontroverse mag, hängt sicher von der persönlichen Prägung ab.

Ich bin natürlich, wie jeder Mensch, geprägt durch meine persönlichen Erfahrungen – positive wie negative. Dadurch entstand meine Grundhaltung und ich habe, sofern man das pädagogisch sagen möchte, ein positives Menschenbild. So gehe ich auch mit Mitarbeitern um. Ich glaube, dass durch eine wertschätzende Vorgehensweise viel Potenzial freigesetzt werden kann, um Entwicklungen voranzutreiben. Trotzdem habe ich durchaus auch schon negative Erfahrungen gemacht, bei denen Menschen sehr extrem auf meine Entscheidungen oder meine Vorgehensweise reagiert und auch massiv blockiert haben. Aber auch dadurch kann so etwas wie eine gewisse Sensibilität für manche Themen entstehen.

Kann jeder von uns immer besser werden? Wo sind die Grenzen?

Grenzen sind überall, manchmal auch da, wo man sie nicht erwartet. Manche Grenzen kann man verschieben, andere muss man akzeptieren. Zum Runterkommen und Auspowern gehe ich zum Beispiel gerne laufen. Mir war schon immer völlig klar, dass ich niemals irgendwelche Rekorde auf 100 Metern laufen kann. Ich bin auch ziemlich sicher, dass ich kein Star im Marathonlauf mehr werde. Trotzdem gibt es immer Steigerungsmöglichkeiten.

Auf die IHK bezogen bedeutet das?

…, dass ich die IHK beispielsweise nicht mit einem Start-up vergleichen kann. Gewachsene Strukturen und tradierte Abläufe zu hinterfragen, ist selbst­verständlich. Im Vergleich hat eine IHK ganz andere, vor allem auch regulatorische Grenzen. Ein Start-up kann viel schneller agieren: sofort entscheiden und umsetzen. Das ist für uns natürlich nicht möglich, insbesondere, da zu unserem Leistungsspektrum auch hoheitliche Aufgaben zählen. Ich als Hauptgeschäftsführer muss also einige Grenzen akzeptieren. Natürlich können und werden wir uns verbessern, allerdings wird es vermutlich nicht so schnell funktionieren, wie ich es mir wünsche – ich gebe zu, in Teilen bin ich ein ungeduldiger Mensch. Letztendlich geht es hier aber auch nicht nur um das Tempo, sondern darum, dass die IHK gut funktioniert.

Wie schwierig ist die Analyse individueller Stärken und Schwächen? Und vor allem: Wie setze ich gewonnene Erkenntnisse um?

Das ist ein Prozess und die Voraussetzung dafür ist eine ehrliche Betrachtung. Zusätzlich sollte man dabei auch schauen, was ist wie leicht veränderbar und welches Thema will ich angehen. Man muss immer wieder prüfen, wo man steht und welche Optionen es gibt. Ich habe zum Beispiel eine kleine und eine große Laufstrecke. In einem Jahr bin ich nicht über die kleine Strecke hinausgekommen, was mich wirklich geärgert hat. Ein Kollege sagte damals zu mir, ich solle es mal mit spannenden Hörspielen beim Laufen versuchen. Das half, weil ich neben der entstehenden Ablenkung immer wissen wollte, wie es weitergeht. Von da an hatte ich keine Probleme mehr, die große Runde zu schaffen und absolvierte im verbleibenden Jahr ein sehr hohes, „hörspielspannungsgetriebenes“ Laufpensum. Ich habe mich also selbst überlistet, wenn man so will. Manchmal macht es Sinn, Dinge bewusst anders zu tun – das hält das Gehirn wach. Oder um es auf den Punkt zu bringen: einfach mal ausprobieren und machen.

Ausprobieren: Für die einen ist es Lust, für die anderen Frust.

Wenn man uns Deutsche mal ganz stereotyp und althergebracht betrachtet, machen wir die Dinge zunächst fertig und bringen sie erst auf den Markt, wenn sie funktionieren. Insbesondere im Rahmen der IT gibt es hingegen Alpha-­Version, Beta-Version und so weiter. Da legt man erst mal los und optimiert die Dinge im Prozess. Hier gibt es einen neuen Trend und eine Entwicklung, die Einzug hält. Trotzdem erlebe ich bis heute, dass Kindern beigebracht wird, dass Fehler etwas Schlimmes sind. Dabei ist vielmehr der Umgang mit Fehlern entscheidend. Denn zu fragen, was ich aus Fehlern lernen kann, wie ich richtig mit ihnen umgehe, um es anschließend besser zu machen, bietet Entwicklungspotenziale. Das Prinzip gilt sowohl für den Einzelnen als auch für Unternehmen – oder Organisationen wie unsere IHK. Mehrfach oder immer wieder den gleichen Fehler zu machen, ist dabei allerdings keine Option.

Was ist wichtig, um aus der IHK eine »Kammer der Zukunft« zu machen?

Auf der einen Seite fasziniert mich das Altehrwürdige der IHK, das spiegelt sich für mich auch im Kammergebäude wider. Bis heute nehme ich beim Betreten des Heinrich-­Büssing-Zimmers automatisch eine andere Haltung an. Das finde ich mit Blick auf mich selbst faszinierend, dies steht aber auch für positive Werte wie Solidität, Respekt und Aufrichtigkeit. Auf der anderen Seite leben wir heute in einer unglaublich spannenden Zeit mit immer schnelleren Entwicklungszyklen. Insofern besteht grundsätzlich Abstimmungs-­ und Anpassungsbedarf. Diese beiden Dinge – die historisch gewachsene Wertorientierung auf der einen und die Modernität auf der anderen Seite – stimmig zuein­ander bringen ist die große Herausforderung. So gegensätzlich diese beiden Aspekte scheinen, so verschieden sind auch die Menschen mit ihren unterschiedlichen fach­lichen Expertisen in der IHK.

Doch genau darin liegt das Potenzial. Es gilt, hier die unterschiedlichen Pole so aufzuspannen, dass wir den bestmöglichen Nutzen für unsere Mitgliedsunternehmen und unser Aufgabenspektrum leisten können. Mit Blick auf unser Ehrenamt und die Belegschaft der IHK sind die Voraussetzungen wirklich gut und ich bin mit Blick auf die begonnene Entwicklung optimistisch. Dort, wo es nicht anders geht, werde ich mich in Geduld üben – vielleicht ist das meine aktuelle Entwicklungsaufgabe.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 15 / April 2020.