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Lifestyle

1. März 2021

Mehr Platz für Menschen, weniger für Autos

Fahrradfahren statt Autofahren

Von Johanna Gelhaus

(Fotografie: pixabay/DGislason)

In vielen Städten wurden in den letzten Monaten vermehrt sogenannte Pop-up-Radwege eingerichtet, die in erster Linie für mehr Platz für Radfahrende werben sollten. Auch in Braunschweig sorgten die geschützten Radspuren für ein erhöhtes Sicherheits- und Wertschätzungsgefühl unter den Radfahrenden. Das Ergebnis waren strahlende Gesichter. Einige Radspuren wie zum Beispiel in Berlin sind auch langfristiger bestehen geblieben, da die Bedeutung des Zufußgehens und des Radfahrens während der Corona-Krise zugenommen hat. Damit dieser Effekt aber anhält, braucht es ein dichtes Netz aus sicheren Radwegen. Befragungen zeigen, dass sich viele Radfahrende im Straßenverkehr nicht sicher fühlen (1).

Zu diesem Thema veröffentlichte Greenpeace kürzlich zwei Studien, die auch für Braunschweig von Relevanz sind. Darin wurde unter anderem die mögliche Umverteilung von Straßenfläche zugunsten des Radverkehrs in 30 deutschen Städten berechnet (Greenpeace). In Braunschweig könnten demnach 53,4 Kilometer geschützte Radspuren entstehen, wenn der rechte Fahrstreifen der mehrspurigen Hauptstraßen dazu umgewidmet werden würde. Die Kosten eines Kilometers geschützter Radspur liegen mit geschätzt 1 Million Euro außerdem deutlich unter dem Niveau von Verkehrswegen für Autos (2). Zum Vergleich: der Ausbau der Berliner Stadtautobahn kostet pro Kilometer über 190 Millionen Euro (3). Die Investitionen sollten also nicht unmöglich sein.

Zusätzlich wurde berechnet, wie viel Platz alle in Braunschweig zugelassen PKW allein durch das Parken belegen. In Braunschweig beläuft sich das auf eine Fläche von 1.349.438 Quadratmeter. Das entspricht etwa 3,2-mal der Fläche des Bürgerparks und etwa 3,1-mal der Fläche aller Spielplätze Braunschweigs zusammengerechnet (4). Das Potenzial, ein Teil der Parkplatzflächen umzuwidmen, ist also enorm. Wie schön wäre es, wenn daraus Platz für Kinder oder Orte der Begegnung entstehen würden? In den letzten Monaten haben wir Grünflächen in den Städten besonders zu schätzen gelernt. Sie spielen außerdem eine wichtige Rolle für das Stadtklima. Der Grünflächenanteil könnte durch Umwidmungen erhöht werden. Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt.

Ein Wandel der Verkehrsinfrastruktur ist dringend notwendig. Die vom Verkehr verursachten Emissionen steigen weiterhin. Im Jahr 2017 war der Verkehr für 27 Prozent (bzw. 22 Prozent ohne den internationalen Flugverkehr und die maritimen Emissionen) der gesamten Treibhausgasemissionen der EU verantwortlich (5). Der Lärm verursacht Stress und die Luftverschmutzung trägt zu Krankheiten wie chronischen Lungenerkrankungen, Krebs, Schlaganfällen und Herzerkrankungen bei (6). Die Verantwortlichen müssen jetzt den Ausbau der Rad- und Fußgängerinfrastruktur fördern, öffentliche Verkehrsnetze verbessern und mit erneuerbaren Energien betreiben. Es sollten außerdem strengere Zugangsbeschränkungen für PKW eingeführt und der Ausstieg aus Diesel- und Benzinfahrzeugen beschleunigt werden.

Häufig wird die Message hinter „Städte für Menschen, nicht für Autos“ leider missverstanden. Autofahrende fühlen sich angegriffen und Fußgänger benachteiligt. Es geht aber nicht darum, Autofahrende zu beschuldigen - mal abgesehen davon, dass es eigentlich nicht wirklich den Autofahrer oder die Autofahrerin gibt. Die meisten Menschen nehmen auf verschiedene Weisen am Verkehr teil. Vielmehr geht es darum, zu zeigen, dass wir von einer Reform der Verkehrsinfrastruktur alle profitieren können. Eine saubere Luft würde die Gesundheit aller Bewohner und Bewohnerinnen verbessern und es könnten tolle Projekte für die freien Flächen entwickelt werden. Geschützte Radwege steigern nicht nur das Sicherheitsgefühl der Radfahrenden, es käme auch seltener zum Aufeinandertreffen auf Fußwegen. Die meisten Autofahrenden bevorzugen ebenfalls eine bauliche Trennung zu den Radfahrenden. Außerdem kann die Menschheit auch einfach nicht länger auf sich warten lassen. Der Klimawandel ist bereits da und wenn eine Reform des Verkehrs auch nur einen kleinen Teil des Problems löst, müssen wir dennoch an allen möglichen Stellschrauben drehen, um die gesteckten Ziele zu erreichen und für eine bessere Zukunft zu sorgen.