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Lifestyle

Mit den Schwächen des Partners umgehen

Wir sind perfekt in unserer Imperfektion

Von Christian Hemschemeier

(Fotografie: Adobe Stock/New Africa)

Was immer wieder so faszinierend am Menschsein ist, ist wie unperfekt wir immer und immer sind. Es ist ein Fakt, der den meisten von uns zu schaffen macht.

Fast alle streben wir nach Perfektion und Selbstoptimierung, auch gut sichtbar an dem Erfolg der ganzen Influenzer-Welt in den sozialen Medien. Tatsächlich ist dieses Ziel aber nicht zu erreichen. Wir sind perfekt in unserer Imperfektion. Aber das ist so schwer zu spüren – und oft sehen wir in unseren Partnerschaften auch schmerzlich, dass unser Gegenüber alles andere als vollkommen ist. Es ist ein wunderbarer Anteil von ­Liebesbeziehungen, wenn wir einen Partner haben, der auch unsere Schwächen lieben kann, bei dem wir nicht auch ständig „leisten“ müssen.

Eigentlich ist es gerade das Wesen von Liebe, den anderen vollumfänglich zu akzeptieren für das, was er ist. Nicht alles allgemein zu werten, was er macht. Und uns selber natürlich auch akzeptieren, das wäre das „Fach“ Selbstliebe.

Während man es natürlich gerne genießt, wenn der andere einen mit allen Macken liebt (oder es sogar einfordert), ist es manchmal gar nicht so leicht das auch zu geben. Die „Schwachstellen“ des Partners, dass er zum Beispiel nicht so viel aufräumt, zu wenig Nachrichten schreibt oder was auch immer, fallen uns extrem auf, „nerven“ uns und sind Anlass für Kritik und vielleicht sogar Belehrungen.

Eines möchte ich natürlich gerne hier klarstellen: Natürlich soll man sagen, wenn einem etwas nicht gefällt. Natürlich ist Kommunikation auch über unangenehme Dinge superwichtig in jeder Beziehung. Aber es geht darum, den „Sweet Spot“ zu finden zwischen „alles runterschlucken“ und alles ansprechen. Wenn du zum Beispiel mit dem Aufräum-Level deines Partners schlicht und ergreifend nicht leben kannst, ist es wichtig, dies zu thematisieren und auch ggf. die ent­sprechenden Konsequenzen zu ziehen. Aber es sollte nicht der Ausgangspunkt für endlose Belehrungen oder sogar Abwertungen sein.

Wenn es sich aber um Kleinigkeiten handelt aber, dürfen wir wirklich überlegen, ob jede Socke angesprochen werden muss und so wichtig ist, dass sie die Stimmung immer weiter vergiftet. Witzigerweise ist man viel geneigter, Dinge aus Liebe zu ändern (die vielleicht gerade auch daraus entsteht, wie sehr der Partner uns annimmt) als dass man dies unter Druck tut.

Ist es nicht viel schöner, den Partner als eine Art „Gesamtpaket“ anzunehmen? Ist es nicht schöner, anzuerkennen, dass wir alle nicht perfekt sind und dass gerade doch das Salz in der Suppe ist? Verlieben wir uns nicht eigentlich in diese Kanten und Ecken? Das zugrundeliegende Thema ist dabei auch der Selbstwert. Oft lehnen wir Dinge an anderen ab, die wir selber eigentlich auch machen (vielleicht auf einer anderen Ebene), und die wir nicht wahrhaben wollen. Wenn wir sie wahrnehmen würden, müssten auch wir feststellen, dass wir ebenfalls nicht perfekt sind und schon schon fühlen wir uns wieder „nicht gut genug“. Dabei sind wir gut genug. Wir waren auch immer gut genug. Unser Wert hängt in keinster Weise davon ab, auf welcher Stufe irgendeiner Leiter wir vermeintlich stehen. Auch unser Partner war schon immer gut genug.

Also: Prüfe, ob Du wirklich damit leben kannst, wie Dein Partner ist. Prüfe ganz in Ruhe. Und wenn Du damit leben kannst, dann versuche ihn nicht dauernd zu verändern, sondern nimm ihn so, wie er ist. Und wundere dich dann darüber, wie viel sich plötzlich für beide verändern kann!

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 15 / April 2020.