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Lifestyle

23. November 2021

Nachhaltiger Hedonismus: Lustvoll und genüsslich regional!

Heute wird es positiv!

Von Ralf Utermöhlen

(Foto: fotolia/Uros Petrovic, blende40)

Wer dieser Stelle öfter meine Kolumne zur Nachhaltigkeit verfolgt, der weiß, dass es hier zwar nicht apokalyptisch, so aber doch meist nachdenklich oder mahnend zugeht. Wer darauf steht, der sei bereits hier vorgewarnt, die gewohnten Erwartungen werden enttäuscht, heute wird es lustvoll, positiv und in einigen Passagen fast lukullisch.

Wenn man sich mit den Theorien der Nachhaltigkeit beschäftigt, kann man nachlesen wo man will - bei Nico Paech, bei Carlo Jaeger und dem WBGU - die Stärkung des Näheprinzips und regionaler Wirtschaftsräume sind wesentlicher Bestandteil beim Gedankenmodell einer stark nachhaltigen Gesellschaft. Regionale Strukturen und regionale Wertschöpfungsprozesse sind identitätsstiftend und werden von Menschen als bereichernd empfunden. Die Stärkung beziehungsweise erneute Gestaltung subsidiärer Wirtschaftsstrukturen ist entscheidender Baustein der Nachhaltigkeit.

Die Schuhe kamen nicht aus Moldawien oder Vietnam

Es ist ja nicht so, dass es das nicht gegeben hat: Für jeden von uns ist klar, dass noch vor zwei oder drei Generationen nicht so viel gereist wurde, wesentlich mehr Menschen ihre Nahrungsmittel und Bedarfsgegenstände des täglichen Gebrauch aus einem näheren Umkreis bezogen haben. Der Schuh kam nicht aus Moldawien oder gar Vietnam, er kam vom Schuhmacher - deshalb heißt er ja so – zwei Orte weiter. Noch vor 100 Jahren hatten die Menschen ihr ganzes Leben lang im Alltag fast ausschließlich mit den Menschen zu tun, die sie auch schon ihr ganzes Leben lang kannten. Es entfiel das permanente sich einstellen müssen auf neue Charaktere, neue Technologien neue Menschen aus anderen Kulturen. Um nicht missverstanden zu werden: Ich möchte die Vielfalt einer internationaler gewordenen Welt keinesfalls missen, aber manches aus dem Prinzip der Nähe muss toll gewesen sein und einiges davon sollte man zurück erobern - im Sinne der Nachhaltigkeit. Diesen theoretischen Betrachtungen will ich mich heute gar nicht vertieft widmen, sondern wie angekündigt dem regionalen Genuss. Fangen wir mit gutem Essen an: Unterbrechen Sie mal Ihre Lektüre und gehen zu Ihrem Kühlschrank. Tür auf bitte. Schauen Sie mal selbstkritisch durch, wie viel der Nahrungsmittel kommen aus einem Umkreis von - nun, sagen wir mal 100 km? Wenn Sie an gutes Essen denken, denken Sie dann an den letzten Urlaub in Italien oder an Walle, Querum beziehungsweise die Lüneburger Heide? Klar gibt es großartige regionale Spezialitäten (Braunkohl, Spargel) die jeder sofort aufzählen kann - aber regionaler Genuss ist noch viel mehr. Es ist wie die Suche des menschlichen Trüffelschweins nach den hierzulande erhältlichen Leckereien. Ich kenne viele Leute, die haben regionales, saisonales Gemüse erst wieder kennengelernt, als sie mal eine „Grüne Kiste“ bestellt hatten. Da lag dann Gemüse drin, von dem man nicht mal wusste wie man es zubereitet. Pastinaken, Rübensorten, Kohl. Carpaccio vom Kohlrabi. Wie viel Rezepte mit Wildschweinbraten, Heidschnucke oder Damwild haben Sie in letzter Zeit probiert? Ich will mich an dieser Stelle auch gar nicht auf die Diskussion einlassen, ob regional immer besser (im Sinne von nachhaltiger) ist als Bio, einfach weil sich diese Frage nicht pauschal beantworten lässt, aber eines ist ja mal klar: In der eigenen Region kann man die Herkunftsangabe deutlich besser überprüfen als bei Ware mit dem „lakonischen Hinweis „Aufzucht und Schlachtung in Deutschland“ oder „Herkunftsland: Spanien“. Gehören Sie auch zu den Kandidaten die beim Einkaufen im Supermarkt leicht genervt sind? Warum dann nicht einfach mal mehr Zeit beim Einkaufen verbringen, zum Beispiel in dem wunderbaren Laden mit unverpackter Ware an der Fallersleber Straße oder wirklich am Wochenende in einem Hofladen. Anfassen, riechen, sich mit dem Nahrungsmittel beschäftigen. Ein gutes Kochbuch mit Rezepten für hier beheimatete Nahrungsmittel - schon die Lektüre kann ein Genuss sein. Versuchen Sie sich mal an Wirsingkohl mit Grünkernfrikadellen (nicht den Kopf schütteln, ausprobieren!) dazu. Ein Genuss. Oder ersetzen Sie einmal Reis, durch die Methanemissionen beim Anbau eines der klimaschädlichsten Nahrungsmittel überhaupt, durch Hartweizen, Buchweizen oder andere regionale Getreidesorten. Ein „Risotto“ (das dann ja streng genommen keines mehr ist) aus Dinkel schmeckt viel würziger als viele Reisgerichte.

Warum in die Ferne schweifen

Beim Thema „Reisen“ möchte ich den Begriff Region ein wenig weiter fassen im Sinne von nah dran. Mein schönster Urlaub 2017 war eine Wanderung im Elbsandsteingebirge. Nur 3 Stunden von hier. Im Harz gibt es verwunschene Täler, die wirken tagelang nach. Eine Radtour durch die Heide. Natürlich spielt hier das Wetter nicht immer mit, dass räume ich ein, aber wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Fernreisen - so reizvoll sie sind und so sinnstiftend sie auch sein mögen, denn auch Völkerverständigung und ein Blick aus eigener Erfahrung in die Lebenswelten anderer Länder gehören zur Nachhaltigkeit  - eine erhebliche Umweltbelastung sind, so lange nachhaltige Flugzeuge noch nicht erfunden bzw. serienreif sind. Und der Erholungswert? In der Ferne nicht zwingend besser. Probieren Sie es mal, ich behaupte an drei viertägigen Kurzurlauben erholt man sich ähnlich gut wie in 14 Tagen sonst wo. Goethes lyrische Weisheit „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah“ hat einen sehr wahren Kern.

Nachhaltigkeit widerspricht aber keinesfalls einem genussvollen, im altgriechischen Sinne hedonistischen Leben, sondern impliziert die Rückbesinnung auf Werte, Genuss und Wertschätzung.

Wer geht schon noch zum Schuhmacher und wer repariert ein Radio?

Reparaturfreundlichkeit und Hilfe in der Nähe gehören sind ganz wesentlicher Baustein, wenn eine nachhaltigere Gesellschaft gelingen soll. Wenn man weiß, dass in erreichbarer Nähe jemand arbeitet, der mir meine Schuhe repariert, einen Anzug so ändert, dass das Hosenbein wieder einen modernen Schnitt hat, dem alten Fahrrad eine neue Gangschaltung einbaut, dann ist es einfacher, Dinge lange zu nutzen. Und spart Geld. Vieles lässt man doch deshalb nicht reparieren, weil man es selber nicht kann und niemanden kennt, der es gegen Geld machen würde. Das sollte sich wieder ändern und das geht fast nur regional.

Eine Region, eine intakte Heimat ist ein Geschenk. Dieses Geschenk zu nutzen, es wirklich in der Tiefe zu kennen, die Beziehungen zu den Menschen zu pflegen und den Genuss in der eigenen Region zu teilen ist eine große Gabe. Ich behaupte eine intakte, nachhaltige und liebenswerte Region ist nicht nur Basis, sondern Voraussetzung für erfolgreiche Aktivitäten in der Ferne. Einfach weil man weiß, wohin man zurückkehren kann.

Eine Rückbesinnung auf regionale Qualitäten und eine gewisse Bevorzugung regionaler Produkte und Dienstleistungen ist auch nicht eine Antipode oder ein völliger Gegenentwurf zur ökonomischen Globalisierung. Die Benachteiligten der Globalisierung, jene Menschen in vornehmlich südlichen Ländern, die Opfer dessen sind, was manche Wissenschaftler „imperiale Lebensweise“ nennen, kommen aus ihrem Dilemma auch nicht hinaus, wenn – was ja ohnehin nur ein Theoretikum ist – wir auf einmal keinerlei Produkte von dort beziehen und nur regionales konsumieren. Regionale Waren sind auch nicht in jedem Fall umweltfreundlicher, ökologischer oder nachhaltiger als Waren aus der Ferne – aber man sollte bei vielen Kaufentscheidungen darüber nachdenken, ob es nicht eine regionale Alternative gibt.

Ich schätze es daher sehr, dass sich hier  – wie in vielen anderen Regionen ebenfalls – in den letzten Jahren Institutionen dafür stark gemacht haben unsere Region noch lebenswerter zu machen und die vielen Stärken herausarbeiten. Dies ist nicht nur gut für ein gutes Leben, es ist Voraussetzung für die Möglichkeit einer nachhaltigen, weniger imperialen Lebensweise bei gleichem Genuss. Einmal mehr möchte ich unterstreichen, dass eine nachhaltige Lebensweise nichts mit Genussverzicht zu tun hat. Nachhaltig zu leben und zu wirtschaften bedeutet gegebenenfalls manchmal tatsächlich Verzicht auf bestimmte Aktivitäten oder Genüsse, die entweder für die Umwelt oder für andere Teile der Welt schädlich sind. Nachhaltigkeit widerspricht aber keinesfalls einem genussvollen, im altgriechischen Sinne hedonistischen Leben, sondern impliziert die Rückbesinnung auf Werte, Genuss und Wertschätzung. Regionale Produkte und Dienstleistungen gehören auf jeden Fall dazu. In dem Sinne: Viel Spaß bei nachhaltigem, regionalen Hedonismus.

 

Dr. Ralf Utermöhlen

ist gebürtiger Braunschweiger, seit 1991 Unternehmer und Vize­präsident der IHK.
Er ist einer der erfahrensten deutschen Umweltgutachter und Autor eines viel zitierten Buchs zum Nachhaltigkeits­management. STADTGLANZ konnte
ihn als Autor für eine regelmäßige Kolumne
zu Nachhaltigkeitsthemen gewinnen.

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