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Kultur

Peter Maffay im Interview

"Wir sind eine Band, die ohne irgendeinen Vertrag, seit fast 40 Jahren existiert."

Von Jens Richwien

(Fotografie: Thorsten Baering)

Er ist ein Teil der deutschen Musikgeschichte und spielte jetzt mit vielen Gastmusikern in Halle eine MTV Unplugged-Session ein. Ob Jennifer Weist, Johannes Oerding, Philipp Poisel und Katie Melua, alle kamen und schufen damit ein unvergessliches Konzerterlebnis. Im März kommt Peter Maffay unplugged in die Volkswagen Halle. Für STADTGLANZ sprach Jens Richwien exklusiv mit dem sympathischen Rockstar.

Zum Gitarrenbau benutzt man, um ein besonders gutes Instrument zu bekommen, lange und langsam gewachsenes Holz – je älter desto besser. Wie empfindest du es bei Musikern? Wird man immer noch besser oder nur gelassener im Alter?

PM: Es gibt keinen solchen Automatismus. Es ist nicht wie beim Wein. Auch dort gibt es übrigens welche, die, wenn sie alt werden, sauer sind. Also ich glaube, das Kriterium vom „besser werden“ zu erfüllen, geht nur über den entsprechenden Einsatz. Wer an sich arbeitet und Lust dabei verspürt, der wird wahrscheinlich die besten Vo­raussetzungen haben, um tatsächlich besser zu werden. Derjenige, der es lieber locker angeht, kann besser werden, wenn er die Veranlagung dazu besitzt – es kann aber auch schief gehen. Mein musikalischer Freund, der Percussionist Ray Cooper, ist um einiges älter als ich, aber in vielerlei Beziehung um einiges fitter. Mit Disziplin hebt man so auch die gängigen Parameter aus den Angeln. Da spielen die Jahre bis zu einem gewissen Punkt keine Rolle, ab dann schlägt die Natur jedoch zu, ob man will oder nicht.

Als das Projekt MTV unplugged an dich herangetragen wurde, hatte MTV da immer noch die Strahlkraft wie vor 20 Jahren oder war es der Reiz des noch nicht gemachten?

PM: Es wäre absolut gemogelt, wenn man diese Strahlkraft leugnet. Es gibt inzwischen Plattformen, die vergleichbar sind und ähnliche Möglichkeiten bieten. MTV hat aber immer noch einen guten Namen und ist in der musikalischen Ausrichtung breiter geworden. Unter dem Logo MTV gibt es inzwischen auch Aufzeichnungen, die man vermutlich vor 20 Jahren bei MTV nicht gesehen hätte, möglicherweise sogar auch mich nicht. Am Ende zählt sowieso nur das Ergebnis. Ob das dann MTV heißt oder nicht, spielt keine Rolle. Wenn das Publikum vom Produkt nicht überzeugt ist und es für unzureichend hält, nützt auch die Marke MTV nichts mehr.

Was machte den Reiz aus, sich Musiker-­Gäste wie Johannes Oerding, Philipp Poisel oder Katie Melua zu der Unplugged-­Produktion einzuladen?

PM: Ich finde es immer heraus­fordernd, wenn du mit jemandem zusammenarbeitest, der 20 – 30 Jahre jünger ist. Das Tempo, Dinge zu erfassen und zu behalten, ist enorm. Die Unbekümmertheit ist sicher auch ein ganz wichtiger Faktor. Ich mag den Enthusiasmus junger Menschen, der noch nicht eingeschränkt ist durch negative Erfahrungen. Trotzdem haben diese Künstler aber wieder genügend Expertise, um etwas gut genug zu machen oder vielleicht sogar noch besser, als man es selber schafft. In jedem Fall ist es eine Herausforderung. Man erlebt Situationen, die man früher im umgekehrten Sinne praktizierte. Zu mir kam auch irgendwann mal jemand, der 10 – 20 Jahre älter war und sagte: „Komm, lass uns was zusammen machen.“ Ich habe davon nur profitiert. So dreht sich jetzt das Karussell ein bisschen in die andere Richtung. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel Johannes Oerding bei allen Konzerten auf der Tour gerne dabei ist, worüber wir uns sehr freuen.

Agiert man bei diesem sehr publikumsnahen Auftritt anders als gewohnt? Du bist ja viel reduzierter in Sachen Technik und Bühne, also ist der Zuschauer ja viel fokussierter auf dich als Person.

PM: Ich glaube, das unterscheidet sich nicht von anderen Konzerten. Ob jemand mit einer Kamera aus 20 Metern oder 2 Metern auf mein Gesicht hält, spielt nicht die entscheidende Rolle. Dass aber alles in einem engen Raum passiert, treibt die Temperatur grundsätzlich schneller nach oben und ich bemerke die Leute, die hinter Ken Taylor (Bass) sitzen. Das ist zusätzliche Energie, die dort entsteht und die ich auch spüre. Wenn ich an den Lippen von Katie Melua hänge, weil ich mir auf gar keinen Fall einen Fehler erlauben will, dann merke ich auch ihre Aufmerksamkeit, die sie mir entgegenbringt. Gleichzeitig beobachten wir aber, was um uns herum passiert und das ist in dieser Dichte auf einer großen Bühne schon anders. Also wenn Carl Carlton (Gitarre) dort 10 Meter von mir entfernt steht und spielt, dann entsteht eine andere Form des Zusammenspiels als jetzt in dem kleinen Set. Ganz abgesehen davon, dass aus dieser Entfernung Carl nicht mehr ganz so groß wirkt. Er ist 1,98 Meter. Carl und ich hatten einmal eine sehr lustige Situation. Carl kam in die Band und war sehr enthusiastisch und wir sangen über ein Mikrofon. Als der Abend vorbei war, bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: „Carl, tu mir bitte einen Gefallen. Verstehe das nicht falsch, aber ich möchte nicht, dass Du mit mir über dasselbe Mikrofon singst.“ Er stand quasi wie eine Giraffe mit gespreizten Beinen neben mir.

Aber kannst du auch mit deiner Größe gut umgehen? Das war nie ein Problem?

PM: Erstens kann ich nichts dran ändern. Zweitens habe ich im Laufe der Jahre einfach gemerkt, dass das kein Kriterium ist. Im Flieger habe ich sowieso die besseren Karten. Lange Strecken überstehe ich leich­ter. Der Vorteil von nicht so großen Menschen ist, dass sie mehr Schritte machen müssen um ans Ziel zu kommen. Mehr Schritte zu machen, ist das bessere Training. Also ich sage mal so, wenn das Leben ein Hürdenlauf ist, dann musst Du als Kleinerer eben mehr springen.

Deutsche Rock-Musik wäre ohne zwei Namen sicher nicht denkbar, Peter Maffay und Udo Lindenberg. Mitte der Achtziger hatte man den Eindruck, da gibt es eine Konkurrenz-Situation. Inzwischen nimmt man euch eher als Freunde wahr. Resultiert das aus dem Respekt vor der Leistung des anderen oder gab es diese Konkurrenz gar nicht?

PM: In der Zeit, von der du sprichst, haben wir polarisiert. Das ist von den Medien dankbar aufgenommen worden, weil man das deutlich besser verkaufen konnte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass damals die BRAVO ein unheimlich prominentes und wichtiges Medium war. Wir haben zunächst einmal gar nicht gemerkt, wie wir instrumentalisiert worden sind. Sehr viel später hatte jeder viele eigene Erfahrungen gemacht und dann hat man seine eigene Position deutlich bezogen. Da waren wir nicht mehr bereit, solche Dinge mitzumachen. Es gab auch viele Querverbindungen zwischen uns, die gemeinsamen Musiker in der Band zum Beispiel. Ich bin oft gefragt worden, wieso ich Udo die Mu­siker weggeklaut habe. Ich habe dann gesagt, man könne mündige Menschen nicht klauen. Es ist nicht so, wie mit einem Fahrrad, das an der Ecke nicht abgeschlossen an einem Laternenpfahl steht und man lässt es einfach mitgehen. Die Leute haben sich freiwillig entschieden, mit Udo und mit mir zu spielen. Wir sind eine Band, die ohne irgendeinen Vertrag, seit fast 40 Jahren existiert. Ich mochte Udos Art und irgendwann ist mir aufgegangen, dass dieser Typ wirklich was kann. Ich habe ihn beobachtet und so oft mit ihm auf der Bühne gestanden und dort gesehen, wie er mit Menschen und seinem Umfeld umgeht. Ich habe auch seine Zeit erlebt, die be­lastend war für ihn und für sein Umfeld. Und wie er sich aufgerichtet hat. Das alles hat in mir einen enormen Respekt erzeugt. Zu Udo habe ich wahrscheinlich die längste und inzwischen freundschaftlichste Kollegen-Beziehung im Business.

Wenn man deinen Karrierestart als Schlagersänger sieht und dich heute kennt, mag man gar nicht glauben, dass das damals authentisch war, also aus deinen musikalischen Wurzeln heraus. Wo liegen die? Sicher nicht bei Peter Alexander (geboren wurde Maffay als Peter Alexander Makkay) und Co …?

MP: Meine musikalischen Wurzeln liegen bei Paganini. Das war das Attentat meiner Mutter, das sie an mir begangen hat. Sie wird mir das verzeihen. Ich meine das wirklich sehr liebevoll. Meine Mutter wollte, dass ich Geige spiele und ich nicht. Wen wundert es. Ich wusste, was es erzeugen würde. Sie damals noch nicht. Am Ende habe ich dann gesagt, ich möchte nicht mehr und sie hat eingesehen, dass es zu nichts führt. Also fing ich an Gitarre zu spielen. Dann kam eine Band, eine von diesen 10.000, die es Mitte der 1960er-Jahre gab. Ich war damals 15 und da spielten wir alles rauf und runter, was so in der englischsprachigen Pop- und Rockszene angesagt war. Bis eines Tages der Schlagerproduzent Michael Kunze mir ein phänomenales Angebot machte, das ich nicht ausschlagen konnte: eine Schallplatte aufzunehmen. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. So entstand „Du“. Und aus „Du“ wurde ein Riesenhit, was meine Schallplattenfirma Teldec dazu veranlasste, zu sagen: „So machen wir weiter, Herr Maffay!“ Damit hatte ich ein Image weg und war Schlager­sänger. Nach der vierten oder fünften Wiederholung war abzusehen, dass es mit der Zeit ein Schuss in den Ofen werden würde und ich wollte länger musikalisch überleben. Deswegen habe ich dann entschieden, wieder mit meinen alten Kumpels zusammen zu spielen. Sehr zum Leidwesen meines damaligen Vorgesetzten, Herrn Richter, dem Boss von Teldec. Es folgten solche fulminanten Auftritte wie im Vorprogramm der Stones in Hannover. Ich kann mich gut daran erinnern, als die ersten Cola-Büchsen flogen. Es dauerte eine Zeit, bis man sich wieder geordnet hatte. Es gab noch eine lange Zeit der Polarisierung bis hinein in die 1980er-Jahre. Dann hatten wir uns endlich vom Schlager-Image gelöst.

Du hast mit Tabaluga nicht nur vielen Eltern die abendliche „Ins-Bett-Bring-Arie“ gerettet, sondern auch jetzt schon Generationen von Kinder, natürlich auch durch die Live-Shows, glücklich gemacht. Warum sind dir Kinder, auch in deinen Charity-Projekten, so wichtig?

PM: Im Grunde genommen waren es am Anfang weniger Kinder. Es war so, dass irgendwann mal in meinem Umfeld Menschen Kritik übten, indem sie sagten: „Warum macht ihr mit Eurer Popularität nicht etwas Sinnvolles? Warum geht Ihr nicht einmal in die Tiefe? Warum beteiligt Ihr Euch nicht an Projekten, die caritativer Natur sind? Warum positioniert Ihr Euch nicht gesellschaftlich und politisch?“ Ein ganz interessanter Mann, den ich in dieser Zeit kennenlernte war Hannes Wader. Völlig andere Ecke. Wenn ich irgendwem erzählte, dass Hannes Wader und ich in seiner Mühle gesessen und über Musik gesprochen haben, hat jeder gefragt, wie das denn gehe? Es geht. Hannes war jemand, der angeregt hat, doch andere Inhalte einfließen zu lassen. Also begannen wirzunächst mit einem gemeinnützigen Verein, der alle möglichen Dinge unterstützte – Band Aid, Tschernobyl, Hilfsgüter für Afghanistan. Der Zufall wollte es, dass wir in Tutzing einem Mann über den Weg gelaufen sind, der ein Heim für traumatisierte Kinder leitete, Jürgen Haerlin. Jürgen und ich sind inzwischen gute Freunde. Er kam damals und sagte, er bräuchte Unterstützung, Öffentlichkeitsarbeit und einen Kinderspielplatz für seine Kinder. Über diesen Kinderspielplatz haben wir zueinander gefunden. Irgendwann meinte er: „Ihr habt zwar keine Kompetenzen als Psycho­therapeuten, als Pädagogen usw., aber Ihr kennt viele Menschen und habt die Logistik. Warum kreiert Ihr nicht eine Ferien­situation für traumatisierte Kinder?“ So ist das entstanden. Es hätten alte Leute oder irgendetwas anderes sein können, aber diese intuitive Entscheidung, es für Kinder zu tun, empfinde ich heute als sehr wohltuend und richtig. Auch aus allen Dialogen und Erörterungen heraus, dass die Kinder das schwächste Glied in der Kette sind. Wir versuchen, den Kindern ein oder zwei Wochen Auszeit zu geben – in einer intakten Umgebung, in der sie einfach Luft holen, in der sie sich entfalten und in der sie Dinge erleben können, die sie vielleicht sonst nicht erleben könnten.

Wenn du dich bei drei Menschen für dein Leben bedanken solltest, wer wäre das? Wäre einer davon auch Peter Maffay?

PM: Der sich selber dankt? Das würde ich ganz bewusst ausschließen. Würde jemand Positives über mich sagen, dann bitte nach Möglichkeit, wenn ich nicht mehr da bin. Das ist weniger ver­fänglich und schadet mir weniger. Ich würde gerne zwei Personenkreise nennen, weil das einfach anders nicht geht. Das sind meine Eltern – meine Mutter lebt leider nicht mehr, aber mein Vater. Er ist ein großartiger alter Herr, der enorm jung geblieben ist, trotz seiner 90 Jahre, die er jetzt inzwischen erreicht hat. Dann Fritz Rau, väterlicher Freund der ersten Stunde und schließlich die vielen Freunde, sie sind die Burg oder der schützende Wall des Lebens. Und natürlich mein Sohn, der in mir immer wieder meine Emotionen weckt.

Lieber Peter, vielen Dank für das Gespräch.

Jens Richwien

Ehemaliger Fußball-Profi und Freizeit-DJ (Richy Vienna), war über 20 Jahre für die neue Braunschweiger tätig. Die letzten drei Jahre begleitete er STADTGLANZ als Objektleiter und Chefredakteur. Er ist seit Oktober bei der Hygia Gruppe beschäftigt, betreut dort das B2B-Business und arbeitet
weiterhin als freier Redakteur.