Skip to main content

Lifestyle

Vielfalt = Diversity?

Die Forscherinnen zu einem Interview

Von Eric Spruth

(Fotografie: Daniela Vakalopoulos, Franziska Jaworek fotolia/franzidraws)

Und was bedeutet das Thema eigentlich für unser gesellschaftliches Miteinander? Fragestellungen, mit denen sich Daniela Vakalopoulos & Franziska Jaworek (Ostfalia Hochschule Salzgitter, Studiengang: Kommunikations­management (M.A.) u.a. in ihrer Forschungsarbeit beschäftigt haben. Ich traf die Forscherinnen zu einem Interview.

Das Thema „Diversity“ ist in aller Munde und wird häufig mit dem Begriff „Vielfalt“ gleichgesetzt. Gibt es zwischen den Begriffen also keinen Unterschied?

Der Begriff „Vielfalt“ wird oftmals mit „Diversity“ gleichgesetzt – das bemerkt man insbesondere in der journalistischen Praxis. Dabei ist „Diversity“ mehr als nur Vielfältigkeit. Es bezeichnet das Vorhandensein von unterschiedlichen Identitäten und Lebensstilen – dahinter steckt die Überzeugung, dass jeder Mensch einmalig ist. Man könnte also sagen, Diversity ist das Ideal, welches dem allgemeinen Verständnis von „Vielfalt“ zu Grunde liegt.

Festzustellen ist eine Simplifizierung des Begriffs auf einige wenige sichtbare Merkmale von Diversität (Geschlecht, Alter, Herkunft). Andere Unterschiede wie der Arbeitsstil, Wahrnehmungsmuster oder der Dialekt werden nicht berücksichtigt. Wie beurteilt Ihr diese Tendenzen?

Grundsätzlich ist dieser These zuzustimmen; jedoch nur in der Praxis. Im Rahmen unserer Forschungsarbeit zeigt sich, dass sich der wissenschaftliche Fachdiskurs diesem Konstrukt deutlich differenzierter nähert. Wir empfinden es als problematisch, dass Diversity in der Praxis häufig zu kurz gedacht wird. So werden viele Diversitydimensionen ‚vergessen‘ oder ausgeklammert, was im schlimmsten Fall zu weiterer Ausgrenzung statt der Beteiligung aller führen kann.

In eurer Forschungsarbeit habt Ihr untersucht, wie „Diversity“ in den Newsrooms deutscher Leit­medien eingesetzt wird. Was sind Eure Ergebnisse?

Die Ergebnisse fallen nüchtern aus. Viele der befragten Redakteure berufen sich auf Gleichstellungsgesetze und deren Umsetzung – hier insbesondere die Frauenquote. Dass dieser Aspekt nur einer von vielen ist, ist dem Großteil kaum bewusst. Viele der Befragten hatten keine feste Definition von Diversity-Management. Das Thema wird vielfach nicht im Zusammenhang mit der eigenen Redaktion gesehen, sondern häufig auf das Personalrecruiting oder gleich die Managementebene umgelegt. Dies lässt sich daran erkennen, dass die meisten Redaktionen keine konkrete Strategie für das Diversity-Management verfolgen. Hier sehen wir das größte Handlungspotenzial.

Wie erklärt Ihr Euch die Zögerlichkeit, in der Umsetzung von „Diversität“ in Newsrooms?

Wir glauben, dass Diversität für viele ein heikles Thema darstellt und deswegen eher vermieden wird – vielleicht auch aus Angst davor, Fehler zu machen. Hinzu kommt vielleicht, dass das Thema Diversität für viele nach wie vor kein spürbarer Teil der eigenen Lebenswirklichkeit ist und deswegen, wenn auch unbewusst, ausgeklammert wird. Genau deshalb ist es so wichtig, sich mit dem Thema intensiv und langfristig auseinanderzusetzen.

Was glaubt Ihr, wie wird sich die Thematik branchenübergreifend in den nächsten Jahren entwickeln?

Die Studienergebnisse zeigen ein eher ernüchterndes Bild für die Zukunft des Diversity-Managements in Deutschland. Ein erster Schritt wäre es gewiss, das Bewusstsein über Diversity bei jedem einzelnen von uns zu stärken. Diversität darf nichts ‚Besonderes‘ mehr sein, sondern ein fester Bestandteil unseres gesellschaftlichen Verständnisses des Miteinanders. Ist der erste Stein dafür einmal gelegt und Berührungsängste aufgelöst, verliert das Thema zusehends an Komplexität und verbessert hoffentlich das branchenübergreifende Verständnis von Diversity und deren Bedeutung für uns alle.

Eric Spruth

Teamleiter Marketing bei der Braunschweiger Baugenossenschaft eG & Vorstand im Marketing-Club Braunschweig e.V