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Lifestyle

„Wir sind offen, bunt und tolerant.“

Wer die AFD wählt, hat die Kontrolle über seine Facebook-Gruppen verloren.

Von Maximilian Burkhardt

(Fotografie: Gudrun Zwilgmeyer)

Watch it – or I’ll teach you a damn Lessing!

Ich liebe Abende und Nächte mit meinen Freund*innen, aber auch die vielen zufälligen Gespräche und Bekanntschaften in Kneipen, Clubs, an der Club-Tür oder sonst wo – im Dönerladen etwa. Meistens ist es Smalltalk, manchmal geht es um irgendwas – aber irrelevantes – immer öfter um Politisches. Dann geht es schnell um Trump, Klima, Greta, die AfD, Politikverdrossenheit und was passieren müsse, dass wieder mehr Dialog der politischen Lager möglich wäre. Ob man mit „Rechten“ oder „Nazis“ (was nicht zwangsläufig gleichzusetzen ist) nicht mehr reden sollte, ob man „besorgte Bürger“ nicht versuchen müsse „abzuholen“. Ende November hat die AfD ihren Bundes­parteitag in Braunschweig veranstaltet. Aus diesem Anlass wurden Gespräche oder Diskussionen dieser Art immer mehr.

Ist das jetzt wirklich ein Thema für eine Nachtleben-Kolumne?

Absolut. Allein, dass der Parteitag einer demokratisch legitimierten Partei, die im Bundestag vertreten ist, in der zentralen Metropole unserer Region gastiert, ist Grund genug – das permanente Gesprächsthema noch mehr. Der Zusammenschluss Braunschweiger Kunst- und Kulturinstitutionen wie etwa 7ahreszeiten, BBK, Brain Klub, KuFa, Laut Klub, Nexus, Schrill e.V., Wagenplatz und vielen Anderen erst recht. Schließlich geht es beim Bundesparteitag der AfD auch um die Ausrichtung der Kulturpolitik der Partei. Bedeutet: Es geht auch um das Ausgehen, Feiern, Kultur – sowie ein repressives, heteronormatives, mitunter antifeministisches und rassistisches Weltbild.

Wird da die Storch in der Pfanne verrückt?

Unabhängig vom Verlauf des Tages: Der Zusammenschluss unterschiedlichster Institutionen, Kollektive, Klubs und Gruppierungen, die das bunte und weltoffene Braunschweig im wahrsten Sinne des Wortes auf die Straße tragen wollen, zeigt doch sehr den Drang nach Inklusion, Offenheit und grenzenloser Kreativität.

Ausgehen bedeutet sich gehen lassen (können), mit Menschen in Kontakt treten, die nicht aus der immer selben Bubble kommen, ausgelassen sein, Freiheit.

Das Abendland als Monokultur wäre erbärmlich!

Auch wenn die alten Germanen den Römern trotzten, durften irgendwann doch mediterrane Küche, Falafel und andere Köstlichkeiten Einzug halten. Welch Glück!

Im Ernst: Will wirklich jemand nur undefinierte Fleischabfälle (Bregenwurst) mit Braunkohl (dasselbe wie Grünkohl) essen?

Watch it or Goethe hell.

Kurzer Exkurs: Wahrheit und Aufklärung waren Lebensthemen des Braunschweigers Gotthold Ephraim Lessing. Sein zweites war der permanente Kampf um Auskommen. Problematiken, wie sie heute für Kulturschaffende nicht aktueller sein könnten –Problematiken, wie sie im gesell­schaft­lichen Diskurs nicht aktueller sein könnten. Lessing gilt als herausragendster Autor in der deutschen Aufklärung und als erster moderner Schriftsteller. In seinem Schaffen setze er sich für die Ideale der Vernunft, Toleranz, Freiheit und Menschlichkeit ein. Sein vielleicht bekanntestes Werk „Nathan der Weise“ mit dem Herzstück der „Ringparabel“, setzt sich für die Ver­söhnung der Religionen untereinander ein. Insbesondere in unserer Region, die doch viel Wert auf ihren verhohlen und insgeheimen Lokalpatriotismus legt vielleicht ein kleiner Denkanstoß zu Integration und Toleranz?

Watch it, you stupid Kant!

Auch in genau dieser unserer Region feiern wir letztendlich viel, gern und auch verschwenderisch – aber anstatt von Urbevölkerung und anderem Schwachsinn, schwadronieren wir lieber davon, alle dabeizuhaben, egal woher sie kommen, wen sie lieben, wen sie begehren oder wie sie aussehen. Wir haben es lieber eng, laut, stickig, voll und voller positiver Energie. Die Party-Szene unserer Region verkörpert an sich alles, was die neue Rechte ablehnt: Sie ist bunt, sie ist queer, antirassistisch, bisweilen (zum Glück!) feministisch, grenzt sich normalerweise klar von Nazis ab, mag Einhörner und Flamingos.

Keine Ziele im Leben? Fahr doch mal woanders hin!

Können wir also in Ruhe unsere Freizeit zwischen Studien- und Arbeitsstress einfach so mit Menschen verbringen, die unsere Freiheit gefährden?

Ist es okay, wenn die „Junge Union (Berlin) Mitte“ auf ihrer Weihnachtsfeier, nachdem ein Partei-Kamerad von einem Nazi ermordet wurde, zu „Schlager gegen Links“ aufruft?

Ist es genug, beim „Bündnis gegen Rechts“ auf Facebook bei einer Veranstaltung zuzusagen oder einen Beitrag zu liken? Bei weitem nicht.

Und das hier – das ist mein Anfang. Einer, der sagen will: „Wir sind offen, bunt und tolerant.“

Lasst uns diese zum Satz gewordene Merkel-Raute bitte endlich in die Tonne werfen und lieber praktisch umsetzen, stattdessen ehrlich reden und zuhören. Genauso eben, wie unter Freund*innen oder zufälligen Bekanntschaften, im Club oder Döner-Laden.

Neue deutsche Schelle.

Viele glauben, dass die AfD auch deswegen so erfolgreich ist, weil sie „anders“ als die anderen Parteien sei. Manche sind vielleicht enttäuscht von der Politik der vergangenen Jahre. Das ist gut nachzuvollziehen – und doch ist es gefährlich, aus Protest die AfD zu wählen. Denn: Rechtspopulismus ist Teil des Problems und nicht der Lösung. Wir leben in einer Republik in der in einem Bundesland 23,4 % der Wähler*innen einer Person eine Stimme gegen, die offiziell „Faschist“ genannt werden darf. In einem Land, in dem ich mich frage, wo ich mit Julia (der besten Freundin von allen) auswandern soll, falls es so weit kommen sollte.

Daher mit ganzem Herzen: Nackenschelle an alle, die bei Feuer klatschen, auf Menschenjagd gehen oder unsere Freiheit bedrohen, so zu sein und so zu feiern wie wir sind.

Ich hab nichts gegen Ausländer, Mach ’nen Punkt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 14 / Dezember 2020.