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Lifestyle

31. März 2021

Zwischen „Binge Watching“ & „Sexting“

Generation Schlaflos

Von Harald Rau

(Fotografie: AdobeStock_franz12/Wayhome Studio/Jacob Lund/ Pixel-Shot/DisobeyArt/Igarts)

Das Mobiltelefon scheint festgewachsen, der 12-jährige präsentiert stolz seinen 16-Stunden-Bildschirmtag, die 17-jährige übt sich im Sexting, wie überhaupt dieses Z für eine Generation steht, die die schnelle Ablenkung durch Medieninhalte sucht, sich nicht konzentrieren kann und für die „Binge Watching“ die liebste Freizeitbeschäftigung darstellt. Vorurteil, Schublade auf – und gut ist. Genug Allgemeinplätze zusammengetragen? Gut, dann können wir jetzt damit aufräumen!

Klar, vieles kommt digital daher in der Generation  Z, schließlich ist sie die erste, die eine Welt ohne Internet nicht kennt. Was aber, wenn man hinter die Fassade schaut, wenn man mit internationalem Anspruch auf diejenigen blickt, die zwischen 1997 und 2012 geboren wurden – und wenn man dabei einen wissenschaftlichen Anspruch nicht aufgibt? Ein paar spannende Erkenntnisse sind da schon dabei – und am Ende bleiben Vorurteile eben genau das: Vorurteile, die nicht zutreffen!

Erstens
Die Generation Z trinkt im Durchschnitt und bezogen auf westliche Länder weniger Alkohol als die vorausgegangenen Generationen. Ty Schepis, Psychologieprofessor aus Texas, hat für die Vereinigten Staaten festgestellt, dass ein Viertel sogar ganz auf Alkohol verzichtet – das mit dem Marihuana wäre allerdings eine andere Sache, meint er.

Zweitens
Praveetha Patalay vom „University College of London“ beschreibt, dass viele Vertreterinnen und Vertreter dieser Generation mit geringem Selbstbewusstsein kämpfen. Wer nur die Überschrift der Studie liest, wird sagen: Klar, das liegt an den über Social Media verbreiteten Selbstbildern der schönen, reichen, gebildeten und fröhlichen Menschen, die sich dort tummeln, daran, dass man auf Insta oder Facebook nur die Sonnenseite der Seele zeigt. Falsch, sagt der Wissenschaftler, man muss das differenzierter sehen. Neben Social Media spielen in der Familie und im Freundeskreis vermittelte „Bilder“ eine mindestens ebenso große Rolle.

Drittens
Über die Generation Y ist ungeheuer viel geschrieben worden. Was man weltweit beobachten kann ist, dass die auch Millenials genannten Jahrgänge (von 1981 bis 1996) nahezu durchweg besser ausgebildet als ihre Eltern waren. Im Schnitt jedoch (und bezogen auf die inflationsbereinigte Kaufkraft) verdienten sie weniger. Hierzu gibt es Vergleichsdaten für alle reichen Länder der Erde. Vielleicht haben sich die Abstiegsängste noch verschärft, denn unzählige Vertreterinnen und Vertreter der Generation Z machen sich Sorgen um die Zukunft, die persönliche und die globale! Da muss man nicht erst die Fridays-for-Future-Bewegung bemühen.

Viertens
Überhaupt – die Generation Z ist sozial eingestellt, sieht weltweite Zusammenhänge, ist interessiert und weltoffen. Ohne den Blick auf Müllvermeidung, auf den Kampf gegen den Klimawandel, auf Ökologie und Umweltbewusstsein ist mit ihr keine Politik zu machen auch und gerade keine Wirtschaftspolitik. Hinzu kommt: Diese Generation ist grundlegend fleißig, sie konzentriert sich in vielen Ländern dieser Erde auf die persönliche Entwicklung im Sinne einer guten Bildungskarriere, sie will anspruchsvolle Arbeit und gute Jobs, sucht sinnvolle Beschäftigung. Wer weiß, was sich hinter dem Marshmallow-Test verbirgt, wird nicht wenig erstaunt sein, dass sich Kinder heute deutlich länger im Gratifikationsverzicht üben können. Das bedeutet, sie können Belohnungen länger aufschieben, was als Zeichen für Anstrengungs- und Lernbereitschaft gedeutet werden kann. Das hat John Protzko von der University of California in Santa Barbara herausgefunden. Vorab hatte er 260 Entwicklungspsychologen nach ihren Einschätzungen der Generation gefragt: 84 Prozent lagen daneben und hielten die Generation Z für schwächer als sie tatsächlich ist.

Fünftens
Es gibt natürlich eine Kehrseite dieses Aspektes: Stress. „Generation Z is stressed, depressed and exam-obsessed“, hat der Economist einen Leitartikel überschrieben und im britischen Telegraph sinnierte kürzlich Helen Chandler-Wilde über die Zukunft der seelischen Gesundheit dieser Generation, um sich am Ende zu fragen, wie man denn die „unglücklichste Generation aller Zeiten reparieren“ könne. Es gibt zahlreiche Studien, die eine Zunahme psychischer Erkrankungen belegen: So bestätigt zum Beispiel auch die Vereinigung US-amerikanischer Psychologen, dass die Zahl psychischer Erkrankungen in der Generation Z signifikant ansteigt, Studien in anderen Ländern mit hohem Haushaltseinkommen unterstreichen dies ebenfalls. Worüber sich die Eltern der Z-Generation also nachhaltig Gedanken machen dürfen, ist die Frage, wie es gelingt, Optimismus zu vermitteln, für mehr seelische Gesundheit zu sorgen, Stress zu reduzieren.

Sechstens
Bei der Generation Z handelt es sich um wahrhafte „digital natives“, um die Eingeborenen des Digitalzeitalters. Daran besteht kein Zweifel. Sie beherrschen die Welt von einem einzigen Endgerät aus – und zwar perfekt. Mädchen schreiben ganze Bücher in ihr Handy, laden sie auf Plattformen hoch. Fans von Büchern, Filmen, Serien entwickeln online alternative Handlungen und Erzählstränge, ein Trend, der unter dem Stichwort „Fanfiction“ oder kürzer „Fanfic“ weltweit insbesondere Mädchen und junge Frauen erfasst hat. Bei alledem steht nicht ganz fest, ob diese Generation auch besser auf das Digitale an sich vorbereitet ist. Die internationale Studie „Computer and Information Literacy“ beschreibt im Gegenteil große Defizite bei der Informationsverarbeitung unter Achtklässlern. Lediglich zwei Prozent der in der Studie Geprüften erreichen den höchsten „Computer-Alphabetisierungsgrad“, konnten selbständig Informationen aufzuspüren, um dann mit diesen zu arbeiten.

Siebtens
In der Generation Z haben als Alternative zu allen anderen Varianten der Mediennutzung Video- und Computerspiele ihren Stellenwert. Auch, wenn zwischenzeitlich unzählige Studien Spielsuchtverhalten bei Onlinespielen untersuchen, Spielverhalten analysieren und Mechanismen der Übertragung von Spielrealitäten ins echte Leben untersuchen. Computerspiele müssen nicht grundlegend Schlechtes hervorbringen. Die Tochter führt die ganze Familie sicher durch Istanbul, weil sie die entsprechende Version von Assassin‘s Creed gespielt hat. Und wir alle sollten froh sein, wenn wir auf dem OP-Tisch eines Chirurgen liegen, der in seiner Jugend viel gedaddelt hat. Hirnscans beweisen, dass bei den besten Mikrochirurgen jene Hirnbereiche besonders ausgeprägt sind, die auch bei geübten Videospielern eine besondere Rolle spielen. Es gilt hier wie stets: „Anderssein“ bedingt nicht zwingend auch ein „Schlechtersein“.

Achtens
Um beim Digitalen zu bleiben: Diese Generation ist „Permanently Online, Permanently Connected“, wie der inzwischen berühmte Titel eines Buches lautet, das bekannte deutsche Kommunikationswissenschaftler herausgegeben haben. Was daraus folgt? Jean Twenge von der San Diego State University hat in mehreren Studien herausgefunden, dass in den Vereinigten Staaten die Zahl der Jugendlichen, die weniger als sieben Stunden pro Nacht schlafen, zwischen 2012 und 2015 um 22 Prozent gestiegen ist. Schlafexperten empfehlen für Teenager mindestens neun Stunden Schlaf. Während im Grunde alle Begleitfaktoren wie Hausaufgaben, Vereinsaktivitäten, Sport, das Spielen von Musikinstrumenten oder Ferienjobs unverändert geblieben waren, so hat sich doch etwas getan: Mehr Jugendliche waren im Besitz von Smartphones, und sie nutzten es unter anderem stets als Wecker. Wer immer online ist und sich stets in Verbindung mit anderen bewegt, findet schwerer in den Schlaf.

Es gäbe noch so viel zu sagen: Eine englische Studie hat herausgefunden, dass diese Generation weniger liest und ihr Wortschatz im Vergleich zu Vorgängergenerationen deutlich schrumpft, Aufmerksamkeitsspannen würden zudem deutlich kürzer; in Amerika wurde festgestellt, dass die Zahl der Allergien dramatisch gestiegen ist; nach wie vor finden sich die schlauesten Schüler bezogen auf Lernvergleichsstudien in Asien; eine spezifische Jugendkultur gibt es im Grunde nicht mehr; Studien in Afrika zeigen, dass die Pubertät früher einsetzt, dafür bekommen weltweit immer weniger Teenager schon Kinder. Überhaupt, Sex. Während für viele der vorangegangenen Generationen dieses Thema gleich an den Anfang gestellt hätte werden müssen, übt sich die Generation Z eher in Zurückhaltung – und entscheidet sich im Durchschnitt später für ein „erstes Mal“. Wenn es dann soweit ist, spricht man allerdings sehr gerne im Messenger-Chat über Sex und alles, was dazugehört. Übrigens, Pop-Musik kommt auf dem gesamten Globus immer lauter und einheitlicher daher – mehr Pegel, weniger Akkord-Vielfalt ist die Devise. Das hat Joan Serrà aus Spanien mit seinem Team und der Hilfe künstlicher Intelligenz herausgefunden. Seine Datenbank: viele Millionen Songs.

Was bleibt am Ende zu sagen?
Das Denken in Schubladen ist grundsätzlich doof!
Und überhaupt: Vermutlich müsste man aktuell konsequenterweise eine neue Schublade für eine Generation öffnen, die alle anderen in den Schatten stellt: Generation Corona.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Stadtglanz Print-Ausgabe 18 / März 2021.